Appenzell: Alpabzug setzt auf Tradition statt Touristen-Spektakel

Kürzlich kehrten im Appenzell mehr als zehn Alpzüge mit ihren Kühen ins Tal zurück. Schellen und Zauren begleiteten den Alpabzug.

Die Appenzeller Alpabfahrt ist keine Veranstaltung, die für Touristen inszeniert wird. Sie ist der traditionelle Abschluss des Alpsommers und gehört zum Jahreslauf der einheimischen Landwirtschaft.
Wenn die Sennen mit ihrem Vieh von der Alp ins Tal zurückkehren, endet eine arbeitsreiche Zeit, die für viele von ihnen wochenlang Alltag war. Dass sich dabei Menschen am Strassenrandversammeln, ergibt sich aus der Tradition.
Einheimische beobachten das Geschehen, Kinder warten auf die Herden, und auch Feriengäste lassen sich dieses Erlebnis nicht entgehen. Im Mittelpunkt aber stehen die Sennen und ihr Vieh und der Abschluss des Alpsommers.

Manch ein Senior erinnert sich wehmütig daran, wie er einst selbst stolz mit seinem Vieh nach der Alpsaison die Heimreise antrat.
Tag beginnt vor Morgengrauen
Wenn die Herde durch die Dörfer zieht, erleben die Zuschauer den letzten Teil der Alpabfahrt. Für die Sennen beginnt der Alpabzug dagegen lange vor dem ersten Schellenklang auf der Dorfstrasse.
Wie viel Arbeit hinter der Tradition steckt, berichtete Philipp Fässler, der im Sommer seinen Vater auf der Alp Sol unterstützte. Als ihr Alpzug am letzten Samstag durch die Appenzeller Hauptgasse zog, lagen bereits zwei Stunden Fussmarsch und eine sehr kurze Nacht hinter ihnen.
«Schon um 04.30 Uhr standen wir im Stall zum Melken», erzählt Philipp Fässler. Danach wurden die Kühe für den Abstieg vorbereitet. Um 06.30 Uhr trafen die weiteren Sennen ein. Nach einem letzten gemeinsamen Frühstück machte sich die Gruppe der Sennen auf den Weg hinab ins Tal.
Drei Schellenkühe geben Ton an
An der Spitze des Alpzuges laufen drei prächtige Kühe mit grossen, aufeinander abgestimmten Schellen, die zusammen einen Dreiklang bilden. Ihr Klang gibt den Takt für den gesamten Zug vor und begleitet das Zauren der Sennen, den für das Appenzellerland typischen Naturjodel.
Auffällig sind die breiten Glockenriemen aus schwerem Leder. Sie sind mit kunstvollen Lederschnitzereien, Messingbeschlägen und farbigen Fransenversehen.
Viele dieser Riemen sind wertvolle Familienerbstücke und werden über Jahrzehnte, teilweise über Generationen, weitergegeben.
Das Zusammenspiel von Schellen und Zauren gehört zum überlieferten Brauchtum des Appenzeller Alpzugs und ist für viele Zuschauer zwar vertraut, in seinen Einzelheiten aber längst nicht allen bekannt.
Verhalten auf der Strasse
Bereits sind für die kommenden Tage und besonders fürs Wochenende viele weitere Alpabfahrten rund um das Gebiet des Alpsteins angekündigt. Da die Alpzüge teilweise über öffentliche Strassen führen, braucht es auch von den übrigen Verkehrsteilnehmenden Rücksicht.

Die Tiere können auf ungewohnte Situationen, Lärm oder hektische Bewegungen reagieren. Wer einem Alpzug entgegenkommt, sollte das Fahrzeug möglichst weit rechts anhalten und warten, bis die Herde vorbeigezogen ist.
Es wird empfohlen, dicht zum Vorderfahrzeug aufzuschliessen, damit kein Tier zwischen den Fahrzeugen hindurchlaufen kann. Wer aussteigen möchte, sollte dies auf der Beifahrerseite tun.
Beim Fahren hinter einer Herde müssen mindestens 20 Meter Abstand eingehalten und Hupen unterlassen werden. Überholt werden darf nur nach einem Zeichen der Sennen oder der Polizei, langsam, mit ausreichend Seitenabstand und im Schritttempo.
Auch wer zu Fuss zuschaut, sollte den Tieren genügend Raum lassen und sich ruhig verhalten. Sie sind keine Attraktion zum Anfassen und auch Fotografen sollten den nötigen Respekt erweisen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Herisauer Nachrichten» erschienen.





