Churer Drogenszene zieht weiter Suchtbetroffene von ausserhalb an

Chur,
Seit rund sechs Monaten ist der Konsumraum in Chur in Betrieb. Gemäss Stadtpolizei konnten rund 100 Konsumationen täglich vom öffentlichen Raum in den Konsumraum verlegt werden. Die Sogwirkung des Churer Stadtparks auf Suchtkranke aus anderen Kantonen hat sich aber nicht verringert.

Der Konsumraum wird gemäss Carlo Schneiter, dem Leiter der Betreiberin Überlebenshilfe Graubünden, immer noch ähnlich genutzt wie in den ersten drei Monaten nach der Eröffnung. «Einen grossen Einfluss auf die Aufenthaltsdauer und die Besucherzahl hat aber das Wetter. Unsere Vermutung ist, dass der Konsumraum bei den tieferen Temperaturen im Winter häufiger genutzt wird», erklärte Schneiter gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Gegenüber dem italienischsprachigen Radio und Fernsehen RSI sprach er vor rund eineinhalb Wochen von 30 bis 35 Personen, die sich pro Tag im Konsumraum aufhalten, und 70 Personen, die das Angebot regelmässig nutzen. Am häufigsten werde weiterhin Crack und Base geraucht und gelegentlich Kokain und Heroin injiziert, so Schneiter.
«Für viele Klienten stellt das Gesamtangebot – das Zusammenspiel aus Konsumraum, Kontakt- und Anlaufstelle mit Essen, Duschen, Wundbehandlung und Beratung – eine wichtige Unterstützung dar», bilanzierte Schneiter gegenüber Keystone-SDA.
Obdachlosigkeit bleibt grosses Problem
Bei einigen Personen habe sich die gesundheitliche Situation verbessert, etwa weil sie wieder regelmässig essen würden. «Bei anderen bleibt die Lage weiterhin prekär, insbesondere bedingt durch die Obdachlosigkeit.»
Aktuell seien weiterhin rund 35 bis 40 Personen ohne geregelte Wohnsituation. Das bleibe die grösste Herausforderung, und die Zahl habe im Vergleich zu vor vier Jahren deutlich zugenommen. Im laufenden Jahr habe sich die Situation auf hohem Niveau stabilisiert.
Schneiter hebt aber noch einen weiteren Vorteil des Konsumraums hervor: «Der Konsum vor Ort bietet den Betroffenen einen Schutzraum und die Sicherheit medizinischer Unterstützung im Notfall.» Akute Notfälle seien zwar nicht die Regel – «in den letzten sechs Monaten mussten wir etwa vier- bis fünfmal die Ambulanz aufbieten». Dabei habe es jedoch auch eine lebensbedrohliche Situationen gegeben, «in der die Zusammenarbeit zwischen der Ambulanz und unserer Einrichtung entscheidend war».
Sogwirkung bliebt bestehen
Auf die Situation im Churer Stadtpark hatte die Eröffnung des Konsumraums bisher noch keine grossen Auswirkungen. «Von einer nachhaltigen Beruhigung oder deutlichen Entlastung des Stadtparks können wir derzeit noch nicht sprechen», sagte der Kommandant der Stadtpolizei Chur, Andrea Deflorin, gegenüber Keystone-SDA. Dies sei jedoch auch nicht ein vordergründiges Ziel der Eröffnung dieser Einrichtung gewesen. «Im Zentrum stand, den öffentlichen Betäubungsmittelkonsum und den Kleinhandel tagsüber möglichst in den Konsumraum zu verlagern.»
Die Zahl der durchschnittlich anwesenden Personen habe sich gegenüber dem Vorjahr nicht wesentlich verändert. «Eine Abnahme der überregionalen Anziehungskraft können wir trotz bereits erfolgter Wegweisungen noch nicht bestätigen», so der Kommandant.
Deshalb sei es wichtig, «unsere bisherige Strategie konsequent weiterzuführen und dabei auch die vorgesehenen repressiven Massnahmen weiterhin gezielt einzusetzen». Der Druck auf öffentliche WC-Anlagen habe aber leicht nachgelassen. «Diese Beobachtung lässt sich allerdings noch nicht statistisch erhärten.»
Die Eröffnung des Konsumraums habe gezeigt, «dass sich ein nicht unerheblicher Anteil der Szene nicht registrieren kann, weil sie ihren Lebensmittelpunkt nicht in Graubünden haben». Diese Personen würden einen wichtigen Schwerpunkt der polizeilichen Arbeit darstellen.
Unterschiedliche Rückmeldungen aus Bevölkerung
Eine wesentliche Herausforderung bleibe, dass sich die Szene nicht ausschliesslich im Stadtpark aufhalte. «Wir beobachten immer wieder Aufenthalte in anderen öffentlichen Anlagen. Auf entsprechende Entwicklungen reagieren wir rasch und konsequent», sagte Deflorin. Gerade ausserhalb der Öffnungszeiten des Konsumraums und während der Abend- und Nachtstunden bleibe die Situation anspruchsvoll.
Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien unterschiedlich. «Einerseits wird die verstärkte sichtbare Polizeipräsenz positiv wahrgenommen. Andererseits erreichen uns weiterhin Hinweise und Reklamationen bezüglich des Aufenthalts von Szenenangehörigen, des Drogenkonsums, von Lärm und zurückgelassenen Konsumutensilien.»
Deflorin bilanzierte: «Die Kontakt- und Anlaufstelle mit Konsumraum ist ein wichtiger Bestandteil der Gesamtstrategie. Sie allein kann die Herausforderungen rund um die Drogenszene jedoch nicht lösen.»






