Wasser-Krise in Region Wil noch nicht vorbei

Wil,
Die Wasserversorgung der Region Wil bleibt angespannt. Die Technischen Betriebe Wil (TBW) haben Abläufe automatisiert und die Bevölkerung zum Sparen bewegt.

Draussen prasselt der Regen auf die Strassen. Im Kontrollraum der Technischen Betriebe Wil ist es hingegen ruhig. Auf den Bildschirmen laufen Grafiken und Messwerte, Kurven zeigen Wasserstände und Verbrauchszahlen.
Brunnenmeister Christoph Fäh steht vor einer Darstellung der vergangenen zwei Monate. Er zeigt auf einen Punkt, der inzwischen einige Wochen zurückliegt: «Hier waren wir, als der erste Bericht in den WN erschienen ist.» Damals lag der Wasserverbrauch auf Rekordniveau.
Am 26. Juni wurden 7765 Kubikmeter Wasser verbraucht, so viel wie noch nie zuvor in diesem Sommer. Danach kam die Ferienzeit und der Verbrauch fiel deutlich. Doch kaum waren die Sommerferien vorbei, ging die Kurve wieder nach oben.
«Plötzlich waren wir wieder bei 6246 Kubikmetern», sagt Fäh. Innerhalb kurzer Zeit stieg der Verbrauch damit um rund 1500 Kubikmeter. «Da hat man gesehen, dass viele wieder zu Hause waren. Mittlerweile sieht die Kurve anders aus. Besonders auffällig ist der Einbruch Mitte August. Am 17. und 18. August ging der Verbrauch deutlich zurück. Für Fäh ist klar, weshalb: «Die Leute haben aufgehört, ihre Gärten zu bewässern.»
Ob der Rückgang direkt auf die Aufrufe der TBW zurückzuführen ist, lasse sich nicht beweisen. Die Verantwortlichen sind aber überzeugt, dass die Bevölkerung reagiert hat.
«Gemeinden sind in Seenot»
Die TBW sind längst nicht nur für die Versorgung der Stadt Wil verantwortlich. Derzeit unterstützen sie drei weitere Gemeinden mit Wasser. Welche, wollen die Verantwortlichen nicht öffentlich machen.
Daniel Graf, Leiter Markt und Kunden, zieht einen Vergleich: «Wir vergleichen das mit der Schifffahrt. Wenn ein Schiff in Seenot gerät, sind die anderen verpflichtet zu helfen.» Bei der Wasserversorgung sei es ähnlich. «Gewisse Gemeinden sind in Seenot», sagt Graf.
Dass die Versorgung koordiniert werden kann, hat auch mit den vergangenen Wochen zu tun. «Man kann schon sagen, dass wir eingespielt sind», sagt Fäh. Viele Abläufe hätten sich automatisiert.
«Wir haben in den letzten drei Monaten brutal viel gelernt», sagt Manuel Engler. Mehr als in den vergangenen zehn Jahren bei den TBW. Das Netz habe man nochmals ganz anders entdeckt.
Zwei Brunnen sind praktisch «tot»
Die grösste Sorge gilt derzeit dem Grundwasser. Die TBW überwachen vier Grundwasserfassungen in Wil. Bei einer davon ist der Pegel besonders tief.
«Hier sieht es wirklich schlecht aus», sagt Fäh. Der aktuelle Grundwasserstand liegt bei 558,35 Metern über Meer. Kritisch wird es bei 557 Metern.
Dann können die Pumpen nicht mehr betrieben werden. «Uns fehlt nur noch ungefähr ein Meter bis zum Pumpenstopp.» Die betreffende Fassung wird deshalb praktisch nicht mehr zur Wasserförderung genutzt.
Nur noch etwa eine Stunde pro Woche läuft die Pumpe, um die Leitungen zu spülen und die Wasserqualität sicherzustellen. Damit ist sie eine von zwei der insgesamt vier Grundwasserfassungen, die derzeit nicht mehr regulär genutzt werden können. «Die Hälfte ist also tot», sagt Fäh.
Bei einer anderen Grundwasserfassung gibt es noch eine Reserve bis zum Pumpenstopp. Diese Fassung soll bewusst geschont werden. «Das sind unsere eisernen Reserven», sagt Fäh.
Noch immer fliesst Wasser nach, doch die Mengen reichen nicht mehr für einen normalen Betrieb. Und genau deshalb sorgt auch der Regen nicht für Entwarnung. «Regen hilft», sagt Graf.

«Aber die Situation ist noch nicht überstanden.» Wann die Brunnen in der Stadt Wil wieder in Betrieb genommen werden können, entscheidet der regionale Führungsstab. Einen Termin gibt es nicht.
Nach einem trockenen Winter und den heissen Sommerwochen brauche es mehr als einen einzelnen Regentag. «Wir brauchen mehrere Wochen Regen, teilweise sogar Monate, bis wir wieder ganz oben sind», erklärt Fäh.
Lernen für die nächsten Jahre
Die vergangenen Monate haben nicht nur Stress ausgelöst, sondern auch neue Erkenntnisse gebracht. Engler verbrachte unzählige Stunden vor dem Laptop: Welche Quelle kann wie lange genutzt werden? Welche Grundwasserfassung muss geschont werden?
«Das ist ein bisschen wie an der Börse», sagt er. Deshalb bauen die TBW ihre Überwachung aus. Zwei Wetterstationen sind bereits in Betrieb – eine in Boxloo und eine in der Thurau.
Im kommenden Jahr soll eine dritte Station Richtung Toggenburg dazukommen. Ziel ist, Wetterentwicklung und Wasserverfügbarkeit besser einzuschätzen.
Kein Zeitpunkt für Entwarnung
Im Kontrollraum der Technischen Betriebe Wil ist man deshalb vorsichtig. Der gesunkene Verbrauch ist eine gute Nachricht. Der Regen ebenfalls. Doch beides bedeutet noch keine Entspannung.
«Wir wollen die Brunnen nicht einfach wieder einschalten und dann wieder ausschalten müssen», sagt Graf. Der Rekordverbrauch Ende Juni, der Einbruch während der Ferien und der erneute Anstieg nach der Rückkehr der Bevölkerung haben gezeigt, wie unmittelbar das Verhalten der Menschen die Wasserversorgung beeinflusst.
Jetzt zeigt die Kurve wieder nach unten. Doch während draussen der Regen auf das Dach des Kontrollraums trommelt, bleibt der Blick der Verantwortlichen auf den Bildschirmen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.





