Wohnungsnot in Gossau: Ist St. Gallen die Lösung?

In St. Gallen stehen 900 Wohnungen leer. In Gossau ist der Wohnungsmarkt dagegen angespannt, Herisau liegt knapp über der Mangelgrenze.

Die Schweizer Wohnungsnot lässt sich nicht mit einer einzigen Zahl erklären. Zwar standen am 1. Juni 2026 landesweit noch 45’493 Wohnungen leer. Gemessen am gesamten Wohnungsbestand entspricht dies einer Leerwohnungsziffer von gerade einmal 0,93 Prozent.
Im Vorjahr waren es noch 1 Prozent gewesen. Die Angaben stammen aus der Leerwohnungszählung des Bundesamts für Statistik (BFS). Für die Stadt St. Gallen zeichnet sich ein anderes Bild ab: 900 Wohnungen stehen leer, die Leerwohnungsziffer beträgt 1,95 Prozent.
Damit liegt die Stadt mehr als doppelt so hoch wie der Schweizer Durchschnitt. Konkret beträgt der Abstand 1,02 Prozentpunkte; relativ gesehen ist die St. Galler Quote rund 110 Prozent höher als jene der Gesamtschweiz.

Auch die Zahlen für St. Gallen, Gossau und Herisau beruhen auf den vom Bundesamt für Statistik erhobenen beziehungsweise veröffentlichten Leerwohnungsdaten. Die Leerwohnungsziffer bezeichnet den Anteil der leerstehenden Wohnungen am gesamten Wohnungsbestand.
Nach den gängigen Schwellenwerten bedeutet das: Die Stadt St. Gallen verfügt nicht nur über einen knappen Notvorrat, sondern über einen vergleichsweise grossen Wohnungspuffer. Zwischen 1 und 1,5 Prozent wird von Wohnungsmangel gesprochen.
Ab etwa 1,5 Prozent gilt ein Wohnungsmarkt als einigermassen funktionsfähig. Mit 1,95 Prozent liegt St. Gallen rund 30 Prozent über dieser Marke.
St. Gallen ist regionaler Ausreisser
Die Zahl von 900 Leerwohnungen klingt angesichts der nationalen Wohnungsnot zunächst beruhigend. Im regionalen Vergleich wird sie jedoch zum auffälligen Befund. In Gossau beträgt die Leerwohnungsziffer nur 0,7 Prozent.
Dort stehen 64 Wohnungen leer. Gossau liegt damit 0,23 Prozentpunkte unter dem Schweizer Durchschnitt und rund 64 Prozent unter der St.Galler Quote. Nach der Ein-Prozent-Schwelle herrscht dort bereits akute Wohnungsnot.
Während in der Stadt St. Gallen statistisch knapp zwei von 100 Wohnungen leer stehen, ist es in Gossau weniger als eine von 100. Auch Herisau liegt näher an der Knappheitsgrenze.

Die Gemeinde weist eine Leerwohnungsziffer von 1,12 Prozent und 99 leerstehende Wohnungen aus. Damit liegt Herisau zwar über dem Schweizer Wert von 0,93 Prozent, aber unterhalb der Marke von 1,5 Prozent, die als ausreichender Wohnungspuffer gilt.
Die drei Orte liegen geografisch nahe beieinander, unterscheiden sich beim Wohnungsangebot aber erheblich. In der Stadt St. Gallen stehen fast zehnmal so viele Wohnungen leer wie in Herisau und gut 14-mal so viele wie in Gossau.
Das liegt teilweise an der unterschiedlichen Grösse der Gemeinden. Aussagekräftiger ist deshalb die Quote: Sie zeigt, dass Gossau im Verhältnis zu seinem Wohnungsbestand den knappsten Markt der drei Orte aufweist.
Der nationale Druck bleibt spürbar
Dass St. Gallen derzeit über einen vergleichsweise hohen Leerstand verfügt, bedeutet nicht, dass die nationale Entwicklung folgenlos bleibt. Sechs Jahre in Folge ist die Schweizer Leerwohnungsziffer gesunken. Seit 2020 nahm sie um 0,79 Prozentpunkte ab.
Insgesamt liegen inzwischen 15 Kantone unter der Ein-Prozent-Marke. Die nationalen Vergleichswerte stammen ebenfalls aus der Leerwohnungszählung des Bundesamts für Statistik. Besonders angespannt ist die Lage in den grossen Zentren.
Im Kanton Zug beträgt die Leerwohnungsziffer lediglich 0,2 Prozent. In der Grossregion Zürich liegt sie bei 0,52 Prozent. Mietwohnungen bleiben schweizweit durchschnittlich nur noch 23 bis 24 Tage ausgeschrieben; in Zürich sind es zwölf Tage.
Viele Wohnungen heisst nicht günstig
Die 900 leerstehenden Wohnungen in St. Gallen sind zudem nicht automatisch 900 bezahlbare Wohnungen. In die Leerwohnungsstatistik fliessen Wohnungen ein, die zur Miete oder zum Kauf angeboten werden.
Entscheidend ist deshalb, wie viele davon tatsächlich den Bedürfnissen der Wohnungssuchenden entsprechen – etwa nach Preis, Grösse, Lage und Ausstattung.
Der Blick-Bericht am vergangenen Donnerstag verweist auf mehrere Gründe für die landesweite Verknappung: Die Nachfrage konzentriert sich auf wirtschaftlich attraktive Regionen, Bauland wird teilweise zurückgehalten, und bestehende Mieterinnen und Mieter bleiben wegen steigender Angebotsmieten länger in ihren Wohnungen.
Für St. Gallen ergibt sich daraus ein differenziertes Bild. Die Stadt verfügt mit 1,95 Prozent über deutlich mehr Leerstand als die Schweiz insgesamt.
In Gossau dagegen liegt der Wert mit 0,7 Prozent bereits tief im Bereich der akuten Wohnungsnot. Herisau befindet sich mit 1,12 Prozent dazwischen – über dem Schweizer Durchschnitt, aber ohne grossen Puffer.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.








