Neue Vision für Wil West: Mikrochips statt einfach nur Gewerbe

Lui Eigenmann
Lui Eigenmann

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Wil West ist politisch auf Kurs – doch was soll auf dem riesigen Areal eigentlich entstehen? Das sagt ein Ostschweizer Unternehmer im Interview.

Industriepolitik ohne Planwirtschaft – eine Chance für Wil West?
Für Roger Cincera muss Wil West mehr sein als eine Gewerbefläche: Er bringt Mikroelektronik und Schlüsseltechnologien ins Spiel. - le

Das Wichtigste in Kürze

  • Wil West ist politisch auf Kurs – doch was soll auf dem riesigen Areal eigentlich entstehen?
  • Ein Ostschweizer Unternehmer bringt eine überraschende Idee ins Spiel.
  • Könnte Wil dereinst beim Rennen um Mikrochips mitmischen?

Wil West, eines der meist diskutierten Projekte im Kanton St. Gallen könnte mehr werden als ein neues Wirtschaftsareal.

Roger Cincera bringt Mikroelektronik und Schlüsseltechnologien ins Spiel. Seine Idee: Erst prüfen, dann entscheiden – und die eigenen Interessen offenlegen.

Redaktion: Roger Cincera, weshalb braucht die Schweiz überhaupt eine Diskussion über Industriepolitik?

Roger Cincera: Weil sich die internationalen Rahmenbedingungen grundlegend verändert haben. Schlüsseltechnologien wie Mikroelektronik, Batterien, künstliche Intelligenz oder Energieinfrastruktur werden längst nicht mehr nur als normale Märkte betrachtet. Sie entscheiden über industrielle Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und politische Handlungsfähigkeit.

Die Schweiz darf weiterhin auf Marktkräfte setzen. Sie sollte aber bewusst entscheiden, in welchen technologischen Feldern sie auch künftig über eigene Entwicklungs- und Industrialisierungskompetenz verfügen will. Wer diese Frage nicht stellt, trifft ebenfalls eine Entscheidung – einfach eine passive.

Redaktion: Wo liegt für Sie die Grenze zwischen Industriepolitik und Planwirtschaft?

Cincera: Planwirtschaft bedeutet, dass der Staat Produktion und wirtschaftliche Entscheidungen steuert. Davon spreche ich ausdrücklich nicht. Eine marktwirtschaftliche Industriepolitik schafft Voraussetzungen: geeignete Flächen, leistungsfähige Energie- und Dateninfrastruktur, verlässliche Verfahren, Zugang zu Forschung und Fachkräften sowie klare Rahmenbedingungen für private Investitionen.

Der Staat soll nicht bestimmen, welches Unternehmen gewinnt. Er sollte aber verhindern, dass technologisch starke Unternehmen mangels geeigneter Voraussetzungen gar nicht erst in der Schweiz entwickeln oder industrialisieren können.

Wil West
Das Areal Wil West ist das grösste Standortförderungsprojekt der Ostschweiz. - keystone

Redaktion: Was machen die USA, China und Europa anders?

Cincera: Sie behandeln Schlüsseltechnologien als strategische Infrastruktur. Die USA verbinden im Chips-Programm Produktionsförderung, Forschung, Prototyping, Advanced Packaging und Fachkräfteentwicklung. China hat Elektromobilität, Batterietechnologie, digitale Infrastruktur und reale Erprobungsräume über Jahre aufeinander abgestimmt.

Auch die Europäische Union will mit dem Chips Act mehr als 100 Milliarden Euro an öffentlichen und privaten Investitionen mobilisieren. Deutschland unterstützt allein die neue ESMC-Fabrik in Dresden mit bis zu fünf Milliarden Euro. Die Schweiz muss diese Modelle nicht kopieren. Sie sollte aber erkennen, dass technologische Zukunft international nicht mehr einfach dem Zufall überlassen wird.

Redaktion: Ist die Schweiz im Bereich Mikroelektronik tatsächlich im Rückstand?

Cincera: Die Schweiz beginnt keineswegs bei null. Wir verfügen über hervorragende Hochschulen, CSEM, innovative Unternehmen und starke Kompetenzen in Sensorik, Photonik, Leistungselektronik, Präzisionstechnik, Medizintechnik und Automation. Mit SwissChips besteht zudem eine wichtige Initiative für Forschung, Chipdesign und Fachkräfte.

Sollte Wil West gezielt für Zukunftstechnologien entwickelt werden?

Die Schwäche liegt weniger bei den Ideen als beim Übergang von Forschung und Prototyping zur industriellen Anwendung und Skalierung. Vereinfacht gesagt: Innovationen entstehen häufig hier – industrialisiert werden sie nicht selten anderswo.

Redaktion: Reicht die Initiative SwissChips Ihrer persönlichen Meinung nach nicht bereits aus, um diese Lücke zu schliessen?

Cincera: SwissChips ist ein wichtiger Schritt für Forschung, Chipdesign und Fachkräfte. Die Initiative ersetzt jedoch keine umfassende Industriepolitik für den Übergang von Forschung und Prototyping zur industriellen Skalierung. Genau diese Verbindung zwischen Technologie, Standort und industrieller Umsetzung müsste zusätzlich betrachtet werden.

Redaktion: Weshalb bringen Sie ausgerechnet Wil West ins Spiel?

Cincera: Weil Wil West eine seltene Kombination bietet: eine bedeutende zusammenhängende Wirtschaftsfläche, eine starke industrielle Region, gute Verkehrsverbindungen und die Nähe zu Unternehmen, die Mikroelektronik in ihren Produkten und Systemen bereits heute benötigen.

Nach der politischen Grundsatzentscheidung sollte deshalb nicht nur über Erschliessung und Vermarktung gesprochen werden. Wir sollten auch fragen, welche Art von Wertschöpfung auf dieser knappen Fläche langfristig entstehen soll.

Wil West: Industriepolitik ohne Planwirtschaft
Roger Cincera. - le

Wil West könnte mehr sein als verfügbare Gewerbefläche – ob es dafür tatsächlich geeignet ist, muss aber zuerst geprüft werden.

Redaktion: Schwebt Ihnen eine milliardenschwere Chipfabrik wie in den USA oder Deutschland vor?

Cincera: Nein. Ein solcher Eindruck wäre falsch und würde die Diskussion unnötig verengen. Für die Ostschweiz könnte gerade ein spezialisiertes Modell interessant sein: Chipdesign, Sensorik, Photonik, Leistungselektronik, Advanced Packaging, Entwicklungszentren, Pilotproduktion und industrielle Anwendungen.

Es geht nicht um Grösse um jeden Preis, sondern um eine intelligente Positionierung entlang bestehender Schweizer Stärken und konkreter industrieller Bedürfnisse.

Redaktion: Was müsste eine professionelle Vorabklärung untersuchen?

Cincera: Zuerst den industriellen Bedarf: Welche Unternehmen, Technologien und Wertschöpfungsstufen wären überhaupt relevant? Danach die Standortvoraussetzungen – insbesondere Energie, Wasser, Dateninfrastruktur, Verkehr, Geologie, Umweltanforderungen und Erweiterbarkeit.

Ebenso wichtig sind Forschungspartner, Fachkräfte, Finanzierung, mögliche Trägermodelle und die internationale Konkurrenzsituation. Eine gute Vorabklärung muss auch Gründe liefern können, weshalb Wil West ungeeignet wäre. Sonst wäre sie keine Validierung, sondern lediglich die nachträgliche Begründung einer bereits gefassten Meinung.

Redaktion: Wer sollte eine solche Abklärung tragen und finanzieren?

Cincera: Idealerweise entsteht eine gemeinsame Trägerschaft aus öffentlichen Standortakteuren, Industrie und gegebenenfalls Finanzierungspartnern. Damit würden unterschiedliche Interessen und Kompetenzen von Beginn an eingebunden.

Die Kosten einer klar begrenzten Vorabklärung stehen in keinem Verhältnis zu den langfristigen Investitionen und zur volkswirtschaftlichen Bedeutung des Areals. Die Qualität strategischer Entscheidungen beginnt mit der Qualität ihrer Entscheidungsgrundlagen.

ZUR PERSON

Roger Cincera verfügt über langjährige Führungs- und Marktentwicklungserfahrung in der technologieorientierten Industrie. Als Geschäftsführer und Vertriebsverantwortlicher war er insbesondere in den Bereichen Sensorik, Antriebs- und Steuerungstechnik, Stromversorgung und Automation tätig und verantwortete den Aufbau und die Entwicklung internationaler Märkte.

Heute unterstützt er mit CMT – Cincera Management & Transformation Unternehmen und öffentliche Entscheidungsträger bei der strategischen Marktentwicklung, der Validierung neuer Geschäftsfelder und deren Überführung in tragfähige Umsetzungsmodelle.

Das Executive Memorandum zu Wil West entstand aus eigener Initiative. Roger Cinceras Überzeugung:

«Eine aussergewöhnliche Chance muss nicht vorschnell beschlossen, aber rechtzeitig und mutig geprüft werden. Denn wenn sich das Zeitfenster schliesst, lässt es sich nicht beliebig wieder öffnen.»

Redaktion: Sie bieten mit CMT selbst Leistungen für diese Vorabklärung an. Verfolgen Sie damit nicht auch ein wirtschaftliches Eigeninteresse?

Cincera: Selbstverständlich sehe ich CMT als möglichen Sparrings- und Umsetzungspartner. Das lege ich transparent offen. Mein wirtschaftliches Interesse liegt aber nicht darin, eine vorgefasste Lösung durchzusetzen oder eine bestimmte Technologie zu vermitteln.

CMT soll eine strategisch relevante Fragestellung professionell und ergebnisoffen validieren. Wenn die Fakten gegen Wil West oder gegen einen Mikroelektronikschwerpunkt sprechen, muss die Abklärung genau das zeigen. Glaubwürdigkeit entsteht nicht dadurch, dass man eigene Interessen verschweigt, sondern dadurch, dass Methodik und Ergebnis offen überprüfbar bleiben.

Redaktion: Was wäre jetzt Ihrer Meinung nach der nächste sinnvolle Schritt?

Cincera: Zunächst braucht es Resonanz aus Industrie, Finanzierung, Forschung und Politik. Nicht als unverbindliche Begeisterung, sondern als belastbare Aussage darüber, ob eine strukturierte Prüfung unterstützt wird.

Danach kann ein klar abgegrenzter Auftrag für die Vorabklärung definiert werden. Ich werbe nicht dafür, heute einen Mikroelektronikcluster zu beschliessen. Ich werbe dafür, eine möglicherweise aussergewöhnliche Chance für das Gebiet nicht ungeprüft verstreichen zu lassen.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.

Kommentare

User #5606 (nicht angemeldet)

Doch was soll auf dem riesigen Areal eigentlich entstehen? Im ursprünglichen Entwurf für das Wirtschaftsförderunggebiet Wil West ist explizit ein aktives Anwerbungsmandat vorgesehen. Der Bedarf will also geweckt werden ...

User #1168 (nicht angemeldet)

Woher kommen die Rohstoffe?

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