St. Gallen: Wer macht das Rennen in den Stadtrat?

Alle drei SP-intern nominierten Persönlichkeiten weisen einen aussergewöhnlichen Werdegang auf, unterscheiden sich aber auch deutlich im Habitus.

Es ist schwierig zu sagen, wer als Nachfolgerin oder Nachfolger von Peter Jans im St. Galler Stadtrat die grössten Chancen hat, von der SP den Wahlberechtigten am 29. Oktober empfohlen zu werden.
Alle drei Kandidierenden haben einen Rucksack, der sie befähigt, ein Mandat in der städtischen Exekutive zu übernehmen. Für alle ist es allerdings nicht einfach, aus dem Schatten des Vorgängers zu treten.
Denn weit über die SP hinaus ist Jans heute hochgeachtet. Er hat vorzügliche Arbeit geleistet, wenn er auch zuletzt mit der beabsichtigten Verselbständigung der Stadtwerke vorderhand Schiffbruch erlitten hat.
Alexandra Akeret
Alexandra Akeret (53) kann nach einer Ausbildung zur Pädagogin auf eine wechselvolle berufliche Tätigkeit zurückblicken, womit sie mit den verschiedensten Menschengruppen in Kontakt kam und deren Bedürfnisse kennenlernte.
Sie arbeitete bei einer Sprachschule, leitete ein Restaurant, gestaltete Bühnenbilder für das Figurentheater, wurde dann 2019 Gewerkschaftssekretärin beim VPOD. Dabei fiel sie mit ihrer bissigen Kritik an den Kündigungen am Kantonsspital St. Gallen auf.

Seit letztem Jahr nimmt sie die gleiche Aufgabe bei der Transportgewerkschaft SEV wahr. Seit drei Jahren gehört sie der Verwaltung der linken Genossenschaftsbeiz «Schwarzer Engel» an. Vor zwei Jahren wurde sie vom Vorwurf angeblicher Datenschutzverletzungen wegen einer Umfrage vom Kreisgericht freigesprochen, die sie bei der Fachhochschule OST in Auftrag gegeben hatte.
Akeret, die geschieden ist und zwei Kinder hat, ist seit 13 Jahren aktives Mitglied des Stadtparlaments und präsidierte den Rat 2021 mit Bravour. Bis jetzt hat sie im Stadtparlament nicht weniger als 13 Vorstösse zu sozialen und ökologischen Themen eingereicht. Bei den letzten Stadtparlamentswahlen 2024 erzielte sie das beste Resultat aller Kandidierenden.
Im gleichen Jahr wurde sie zusätzlich in den Kantonsrat gewählt. SP-intern wird sie gerne als recht ehrgeizig bezeichnet, was für die Nominierung wohl das einzige Handicap darstellt.
Peter Olibet
Über grosse politische Erfahrung verfügt auch Peter Olibet (50), der in einer heilpädagogischen Grossfamilie aufgewachsen ist. Zuerst war er nach einer Ausbildung zum Lehrer von 2004 bis 2010 Sekretär der SP des Kantons St.Gallen und ist jetzt Co-Präsident der SP der Stadt St.Gallen mit Jenny Heeb. Mit dem Studium zum Interaktionsleiter FH am Hyperwerk in Basel erweiterte er seinen beruflichen Horizont.

Von 2011 bis 2015 war er Verlagsleiter des Kulturmagazins «Saiten», wo er auch unternehmerische Entscheide fällen musste. Es war nicht einfach, dieses Verlagserzeugnis in einem schwierigen Umfeld über die Runden zu bringen. Mit der Institution «Olibet Begleitung» bietet er individuelle Lebensberatung und Online-Coaching an.
Er teilte die Familien- und Erwerbsarbeit mit seiner Frau gleichmässig auf. Neben den eigenen Kindern begleiteten sie als Pflegeeltern auch schwierige Jugendliche. Mit dem Kinderlokal «tiRumpel» ermöglichte Olibet Kindern eine sinnvolle Freizeitgestaltung.
Auch beim Aufbau des Abenteuerspiel- und Kinderbauplatzes «Brache Lachen» auf dem Gelände ehemaliger Notwohnungen legte er selbst Hand an, womit er sein praktisches Talent unterstrich.
Als Leiter der Institution «Hölzli» in Hundwil, einem Wohn- und Lebensraum für junge Menschen, begleitet er diese in anspruchsvollen Lebenssituationen. Immer hat Olibet in seinem beruflichen Wirken sein organisatorisches Talent und sein erfolgreiches Arbeiten im Team unter Beweis gestellt.
Dem Stadtparlament gehört Olibet seit elf Jahren an. Er wirkt auch in der Liegenschaften- und Baukommission mit. Neben gesellschaftlichen Themen engagiert er sich auch für die städtische Infrastruktur.
Mit seinen hochaktuellen Vorstössen zu Ungereimtheiten entfaltete er immer wieder heisse Diskussionen. Bei den letzten Wahlen erzielte er ein hervorragendes Resultat.
Chompel Balok
Chompel Balok war als ausgebildeter Betriebsökonom über zehn Jahre in leitender Stellung in der Kantonsverwaltung tätig, so als stellvertretender Generalsekretär im Departement des Innern, wo er mit politischen Abläufen in engste Berührung kam.
Neu ist die Stadt Zürich seine Arbeitgeberin, wo er weitere verwaltungstechnische Erfahrungen sammeln und erleben kann, wie politische Absichten in tragfähige Vorlagen umgesetzt werden. Vor fünf Jahren zog Balok ins Stadtparlament ein, wo er der wichtigen Geschäftsprüfungskommission angehört.
Er wurde in den Verwaltungsrat der SN Energie gewählt, womit er in die Nähe des Wirkens von Peter Jans gerückt ist. Politisch hat sich Balok im Stadtparlament vor allem mit der Einbürgerungspolitik befasst, so forderte er den Stadtrat auf, Einbürgerungshürden abzubauen, konkret auf kommunale Einbürgerungsgebühren für junge Menschen bis 25 Jahre und auf den Staatskundetest für Minderjährige zu verzichten.

Er engagiert sich auch im Vorstand des Mieterverbandes Ostschweiz, womit er beweist, dass sein soziales Engagement weit über die Einbürgerungspraxis hinausgeht. Balok wurde 1974 als Kind tibetischer Flüchtlinge in der Schweiz geboren.
Sein Hochschulstudium absolvierte er im Bereich Soziologie an der Universität Zürich, das er 2012 mit einer Lizenziatsarbeit zum Thema «Der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Besuch des Kurzzeitgymnasiums» abschloss. Ergänzend verfügt er auch über einen Abschluss als Betriebsökonom FH und hat Weiterbildungen an der Executive School der HSG besucht.
Bürgerliche Gegenkandidatur?
Eine bürgerliche Gegenkandidatur zur sozialdemokratischen liegt eigentlich auf der Hand. Erfolgsaussichten bestehen allerdings nur dann, wenn sich die bürgerlichen Parteien auf eine Kandidatur einigen können. Da müssen manche Parteifunktionäre eben über ihren Schatten springen und es ist notwendig, rasch mit den Sondierungsarbeiten und dem Aufbau einer Kandidatin oder eines Kandidaten zu beginnen.
Ein valabler Kandidat wäre Patrik Angehrn (52) von der Mitte, die im Stadtrat heute nicht mehr vertreten ist. Angehrn hat bei den letzten Erneuerungswahlen des Stadtrates mit dem besten Resultat aller Herausforderer abgeschnitten und gilt als umgängliche und pragmatische Führungspersönlichkeit, leitet er doch das Grundbuchamt in Wittenbach tadellos.
Im Wahlkampf forderte er denn auch mehr Führungsstärke vom Stadtrat, sicher ein noch immer hochaktuelles Postulat. Er ist seit elf Jahren Mitglied des Stadtparlaments und Fraktionspräsident der Mitte-EVP-Fraktion.
Da heute wieder ein grösseres Interesse an Exekutiv-Ämtern vorhanden ist, dürfte es nicht verwundern, wenn es einige wilde Kandidaturen gäbe. Auch dies würde allerdings zu einer Verzettelung der Stimmen führen und damit vor allem zu beeinträchtigten Chancen der bürgerlichen Kandidatur.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.









