St. Galler Kantonsrat landet noch kaum Hits bei Instagram und Co.

Seit dem letzten März ist es für die Mitglieder des St. Galler Kantonsrat sehr einfach, ihre Voten aus den Debatten in den Sozialen Medien zu veröffentlichen. Die ersten Erfahrungen zeigen, dass es ohne einigen Aufwand und gute Ideen wenig Aufmerksamkeit gibt.

Gegen Ende der Debatte über das Entlastungspaket im St. Galler Kantonsrat und nachdem 27 Anträge der SP-Grüne-GLP-Fraktion abgelehnt worden waren, zog die frühere Kantonsratspräsidentin und SP-Parlamentarierin Andrea Schöb Bilanz: «Ich bin stolz, auf dieser Seite zu stehen», sagte sie. Ihre Fraktion habe sich zwei Tage lang für die Aufgaben des Kantons, für das Personal und für die schwächeren Gruppen eingesetzt. «Das ist das einzige Positive, das ich aus dieser Session mitnehme.»
Seit dem letzten März stehen die Debatten im St. Galler Kantonsrat jeweils wenige Stunden nach Sitzungsende auf der Homepage des Kantons als audiovisuelles Protokoll bereit. Die Ratsmitglieder könnten nun ihre Voten als einzelne Videoclips herunterladen und direkt in den Sozialen Medien teilen, warb die St. Galler Staatskanzlei für den Service.
Eine kleine Umfrage zeigt, dass die Fraktionen bei der Nutzung des Angebots noch eher am Anfang stehen. Das audiovisuelle Protokoll werde bereits punktuell genutzt, «insbesondere für Instagram-Storys», erklärte Mitte-EVP-Fraktionschef Boris Tschirky auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA.
Die Fraktionsspitze sowie die einzelnen Mitglieder prüften jeweils «im konkreten Anwendungsfall», ob eine Verbreitung Sinn mache. Bei der SP-Grüne-GLP-Fraktion gibt es noch kein Konzept für den Einsatz der Videoaufnahmen. Einige Mitglieder seien aber bereits aktiv.
Das gilt auch für die FDP. Das audiovisuelle Protokoll werde sowohl auf Ebene der Partei als auch durch einzelne Kantonsratsmitglieder bereits aktiv genutzt. «Vor allem dann, wenn wir politische Positionen verständlich und transparent erläutern möchten», so FDP-Fraktionschef Raphael Frei. Bei Bedarf unterstütze die Geschäftsstelle unkompliziert mit Schnitt, Aufbereitung und Veröffentlichung.
Innerhalb der SVP-Fraktion seien die Kosten des Angebots umstritten, erklärte Fraktionschef Sascha Schmid. Bereits mit dem Livestream sei es möglich gewesen, eigene Voten auf Youtube herauszusuchen und zu schneiden. Der Kanton habe mit der neuen Plattform auf die Luxusvariante gesetzt.
Er habe bereits den alten Livestream für die Verbreitung einzelner seiner Voten auf Instagram, Tiktok und Whatsapp genutzt, so Schmid. Bei den Videos handle es sich fast immer um kurze, prägnante Ausschnitte, nicht um ganze Voten. «Kurzvideos helfen uns, unsere Arbeit für einen grösseren Teil der Bürgerinnen und Bürger sichtbar und greifbar zu machen.»
Allzu viele Clips aus den letzten Sessionen des St. Galler Kantonsrats sind bei einer oberflächlichen und unvollständigen Suche auf Instagram allerdings noch nicht zu finden. Neben anderen haben Michael Sarbach (Grüne), Ruben Schuler, Jens Jäger (beide FDP) oder Christian Vogel (SVP) Beiträge veröffentlicht. Es handelt sich meistens um ganze Voten von teils mehreren Minuten Dauer. Unbeachtet blieben die Clips aber nicht. Sie erhielten zwischen knapp 50 und rund 90 Likes.
Wie ein solcher Beitrag funktionieren könnte, zeigte GLP-Kantonsrat Andreas Bisig mit einem Ausschnitt aus der Debatte vom letzten September 2025. Damals beschloss der Rat die Verschiebung des Frühfranzösisch in die Oberstufe.
Bisig hielt einen grossen Teil seines Votums in Französisch – bis er unterbrochen wurde. SVP-Kantonsrat Peter Kuster gab sein Missfallen zum Ausdruck und wollte die Rede stoppen. «Ich bin dagegen, dass Französisch gesprochen wird», sagte er. Sein Antrag auf Abbruch wurde mit 72 gegen 27 Stimmen und neun Enthaltungen abgelehnt. Bisig durfte weiterhin auf Französisch parlieren.
Der GLP-Politiker machte daraus einen Clip von knapp 20 Sekunden. Der Lohn: 600'000 Views und 8300 Likes auf Instagram. Ein zweiter Clip, in dem sich Bisig gegen Einsparungen bei der Universität St. Gallen wehrte, erzielte ebenfalls immerhin 40'000 Views.
Der Ausschnitt müsse gut ausgewählt sein und danach gut bearbeitet werden, sagte er. Unter anderem brauche es einen Einstieg und schnelle Schnitte. Ohne einigen Aufwand sei dies aber nicht möglich, stellte er fest.
Und was ist mit der eingangs zitierten Passage aus der Rede von Andrea Schöb, mit der sie die Befindlichkeit der eigenen Fraktion nach der Spardebatte zusammenfasste? «Für Kampagnen nutzen wir die Clips», erklärte die Kantonsrätin auf Anfrage. «Warum ich dies nicht mit Voten mache, ist wohl meiner Sachlichkeit geschuldet».





