Maria Walliser: Das wichtigste Rennen ihres Lebens

Die frühere Ski-Königin kämpfte auf den Pisten einst um Hundertstelsekunden. Heute setzt sich Maria Walliser (63) für die Prävention von Geburtsfehlern ein.

Das Wichtigste in Kürze
- Maria Walliser setzt sie sich für die Prävention von Geburtsfehlern ein.
- Auslöser für die frühere Ski-Königin war die Geburt ihrer Tochter Siri mit «Spina bifida».
- Im Interview spricht sie über ein Leben zwischen Spitzensport, Familie und Verantwortung.
Maria Walliser (63) gehörte in den 1980er-Jahren zu den erfolgreichsten und populärsten Sportlerinnen der Schweiz. Drei Weltmeistertitel, drei olympische Medaillen und zwei Gesamtweltcupsiege machten die Toggenburgerin zu einem der grossen Gesichter des Schweizer Skisports.

Mit 27 Jahren beendete sie ihre Karriere. Sogar Hollywood klopfte an: Der Oscar-Preisträger Arthur Cohn wollte ihr den Weg an die Lee-Strasberg-Schauspielschule ebnen.
Doch Walliser entschied sich für einen anderen Lebensweg. 1991 heiratete sie ihre grosse Liebe, Guido Anesini. Im selben Jahr kam Tochter Siri zur Welt – mit «Spina bifida», einem offenen Rücken. Fünf Jahre später wurde die zweite Tochter, Noemi, geboren.

Die Geburt von Siri stellte das Leben der Familie auf eine neue Grundlage. Aus der persönlichen Erfahrung entwickelte sich ein Engagement, das bis heute anhält: Seit dem Jahr 2000 steht Maria Walliser an der Spitze der Stiftung Folsäure Schweiz.
Sie setzt sich dafür ein, das Wissen über die Bedeutung von Folsäure vor einer Schwangerschaft zu verbreiten und damit das Risiko bestimmter Geburtsfehler zu senken. Zugleich engagiert sich die Stiftung für Familien und Menschen mit besonderen Bedürfnissen.
Walliser ist dabei ihrer sportlichen Haltung treu geblieben: Wenn sie sich für eine Sache entscheidet, dann mit voller Überzeugung. Anfang November startet die Stiftung eine neue Aufklärungs- und Präventionskampagne.
Im Interview spricht Walliser über die Kraft ihrer Familie, die Verantwortung der Prävention, ihr Verhältnis zum Spitzensport und die Frage, was sie heute glücklich macht.
Redaktion: Sie waren in den 1980er-Jahren ein Superstar, wurden gefeiert und bewundert. Heute suchen Sie bewusst nicht mehr das Rampenlicht. Ist Maria Walliser heute glücklicher als damals?
Maria Walliser: Das ist eine schwierige Frage. Für mein Glück sind Rhythmus und Balance entscheidend. Als Spitzensportlerin war mein Alltag klar strukturiert. Mit unseren Töchtern war es ähnlich: Im Sport bereitete ich mich von Saison zu Saison auf perfekte Leistungen vor, im Familienalltag koordinierte ich die Termine von Ferien zu Ferien.
Heute fehlt mir diese Struktur oft. Da ich auch keine feste berufliche Tagesordnung mehr habe, gerät meine Balance manchmal aus dem Gleichgewicht. Das macht mich nervös und unruhig – und dann bin ich nicht glücklich. Hilfe finde ich in der Natur, in den Bergen, beim Laufen, Klettern und natürlich im Schnee, beim Skifahren oder auf Skitouren.
Redaktion: Sie haben einmal gesagt, dass Sie nicht öffentlich sein, sondern offen bleiben möchten. Was bedeutet das konkret?
Walliser: Momentan ist gerade wieder der Teufel los! Einerseits gibt es viele Medienanfragen zu 40 Jahren Ski-WM 1987 in Crans-Montana und zur Weltmeisterschaft, die im Februar 2027 wieder dort stattfindet.
Andererseits stehe ich wegen der neuen Aufklärungs- und Präventionskampagne der Stiftung Folsäure Schweiz im Fokus, die Ende Oktober startet.
Für mich als Stiftungspräsidentin und ehemalige Skirennfahrerin bleibt da gerade wenig Rückzug. Offen sein möchte ich trotzdem. Es schadet niemandem, den eigenen Horizont zu erweitern. Und genau das tue ich fast täglich.
Redaktion: Mit 27 Jahren beendeten Sie Ihre Karriere, obwohl Ihnen Oscar-Preisträger Arthur Cohn den Weg nach Hollywood ebnen wollte. Haben Sie sich bewusst gegen ein Leben entschieden, das Sie noch berühmter hätte machen können?

Walliser: Mein patriotischer Sinn hat mich von der Schauspielschule in den USA abgehalten. Ich konnte nicht einfach nach Amerika verschwinden und all meine Schweizer Träume hinter mir lassen. Es ging mir aber nie darum, eine andere Art von Berühmtheit zu erlangen.
Ich wollte offen bleiben für Neues – für neue Gefühle, neue Träume und neue Herausforderungen.
Redaktion: Im Spitzensport entscheiden oft Hundertstelsekunden über Triumph oder Enttäuschung. Im richtigen Leben gibt es keine Rangliste und keine Ziellinie. Mussten Sie erst lernen, dass man nicht immer gewinnen muss?
Walliser: Nein, das ging von allein. Die wichtigste Erkenntnis war, dass ich die Uhr beiseitelegen und keine Messdaten mehr notieren musste. Den Berggipfel zu erreichen, war das Ziel – nicht, eine möglichst schnelle Zeit zu laufen.
Redaktion: Die Geburt Ihrer Tochter Siri im Jahr 1991 hat Ihr Leben grundlegend verändert. Sie erlebten eine Situation, auf die Sie niemand vorbereiten konnte. Was hat diese Erfahrung mit Ihnen als Frau und als Mensch gemacht?
Walliser: Eine Familie zu haben, war immer mein Wunsch. Mit Siri waren wir ganz besonders eine Familie. Die neuen Aufgaben waren alles andere als einfach.
Doch gerade diese schwierigen Situationen haben uns stärker gemacht. Ich fühlte mich wie eine Löwenmutter und entwickelte einen ausgeprägten Beschützerinstinkt.
Rückblickend hat sich das positiv auf mich als Mutter und als Mensch ausgewirkt. Zu erkennen, dass jeder sein Rucksäckli zu tragen hat, und Menschen kennenzulernen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen: Das ist nicht nur eine Grundschule, sondern eine Universität.

Redaktion: Sie haben früher von der Suche nach dem goldenen Mittelmass gesprochen – zwischen dem Engagement für andere und der Zeit für sich selbst. Haben Sie diese Balance inzwischen gefunden?
Walliser: Ich suche noch immer! Natürlich sehne ich mich nach Zeit für mich selber. Gleichzeitig gibt es viele Menschen in meinem Umfeld, die gerne Zeit mit mir verbringen möchten – beim Biken, Wandern, Essen, Golfen, Plaudern oder Arbeiten.
Es bleibt ein Abwägen, damit beide Seiten der Waage möglichst gleich viel Gewicht haben.
Redaktion: Seit 26 Jahren präsidieren Sie die Stiftung Folsäure Schweiz. Auslöser war die Geschichte Ihrer Tochter. Ist dieses Engagement inzwischen zu einer Lebensaufgabe geworden?
Walliser: Eigentlich ist es eine Geschichte, die sich wiederholt. Als Spitzensportlerin gab es für mich eine grosse Aufgabe: mit Haut und Haaren Einsatz zu zeigen. Mit meinem Engagement für die Stiftung ist es ähnlich.
Halbherzig passt nicht zu mir! Langsam gehe ich zwar der Pension entgegen, aber Stiftungstätigkeiten kennen kein Ablaufdatum. Wir sind ein tolles Team mit einem tollen Stiftungsrat und kämpfen gemeinsam für das Lebensvitamin Folsäure.
Redaktion: Anfang November lanciert die Stiftung eine neue Kampagne, die gezielt Frauen erreichen soll, die wenig oder kein Deutsch sprechen und über herkömmliche Informationsangebote oft schwer erreichbar sind. Wie wollen Sie diese Frauen erreichen?
Walliser: Die Aufklärungskampagne baut auf langjähriger Arbeit und wissenschaftlichen Studien auf. Sie erklärt in einfachen Worten, worum es geht. Die Botschaft ist einfach: Kinderwunsch – Folsäure – drei Monate vorher! Informationsmaterialien und Broschüren sowie Inhalte für soziale Medien werden in 15 Sprachen übersetzt.
Wir verteilen sie über Institutionen wie das Rote Kreuz, Familienberatungsstellen, Schulen, Verbände wie die Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG) und Arztpraxen. Ich glaube fest daran, dass wir damit auch Frauen mit Migrationshintergrund erreichen können.
Die Botschaft, dass Folsäure helfen kann, das Risiko von Geburtsfehlern wie Spina bifida zu senken, soll noch viel stärker in aller Munde sein.

Redaktion: Die Bedeutung von Folsäure vor einer Schwangerschaft ist wissenschaftlich gut belegt. Weshalb ist es nach all den Jahren noch immer so schwierig, dieses Wissen flächendeckend zu vermitteln? Und warum tut sich die Schweiz mit einer Anreicherung von Mehl mit Folsäure so schwer?
Walliser: In mehr als 80 Ländern wird Mehl mit Folsäure angereichert. Studien belegen einen Rückgang bestimmter Geburtsfehler von über 50 Prozent. Das ist erstaunlich – vor allem, wenn man bedenkt, wie einfach und günstig eine solche Anreicherung wäre.
Doch so einfach wie damals bei der Jodierung von Salz ist es heute offenbar nicht mehr. Eigenverantwortung ist in unserem Land definitiv gefragt. Mit unserer Präventionskampagne versuchen wir, das politische Defizit zu überbrücken.
Redaktion: Ihre persönliche Geschichte verleiht Ihrer Botschaft besondere Glaubwürdigkeit. Gleichzeitig muss sich eine Stiftung auf wissenschaftliche Erkenntnisse stützen. Wie gelingt es Ihnen, die eigene emotionale Betroffenheit mit der sachlichen Aufklärungsarbeit zu verbinden?
Walliser: Das ist nicht immer einfach, denn als Familie möchten wir uns so gut wie möglich schützen. Auf der einen Seite steht die wichtige Aufklärungsarbeit. Auf der anderen Seite kann ich Projekte für mehr Inklusion umsetzen.
Dazu gehören Familienweekends oder Kids Camps für Kinder mit besonderen Bedürfnissen. Mit Spina Kids darf ich Familien unterstützen.
Wir helfen jungen Erwachsenen auf dem Weg in die Selbstständigkeit, beispielsweise mit einem Zustupf für Fahrstunden. Oder wir fördern die Freude an Bewegung und Sport, indem wir Sportgeräte mitfinanzieren. So wird die emotionale Betroffenheit zu einem Geschenk!
Redaktion: Themawechsel. 1987 wurden Sie in Crans-Montana Doppelweltmeisterin in der Abfahrt und im Super-G. 2027 kehrt die Ski-WM an diesen Ort zurück. Welche Gefühle kommen auf, wenn Sie an jene Tage zurückdenken?
Walliser: Die Erinnerungen bleiben für immer. Weil das Medieninteresse an den goldenen Tagen von damals bereits heute gross ist, werden diese Erlebnisse wieder wach. Noch lieber, als in die Vergangenheit zu schauen, bin ich gespannt darauf, wie sich unsere Skistars an der Heim-WM fühlen werden. Der Druck ist nämlich riesig!

Redaktion: Werden Sie 2027 vor allem als ehemalige Weltmeisterin dabei sein, die ihre Erfolge nochmals aufleben lässt, oder interessiert Sie stärker, was aus dem Skisport geworden ist?
Walliser: Alle damaligen Medaillengewinnerinnen und Medaillengewinner sind vom Organisationskomitee und von Swiss-Ski eingeladen.
Meine Passion ist klar: mit den Skistars von heute mitzufiebern. Ich würde mir nie anmassen, ihnen Tipps zu erteilen. Wenn immer es geht, versuche ich, selbst Ski zu fahren und die Atmosphäre zu geniessen.
Redaktion: Sie stammen aus dem Toggenburg, einer Region mit starker Verbundenheit zur Heimat. Wie viel Toggenburg steckt heute noch in Maria Walliser?
Walliser: Tugenden aus der Kindheit können sich verändern. Die Liebe zu meiner Heimat bleibt für immer. Besonders verbunden fühle ich mich mit den sieben Churfirsten, dem Wahrzeichen des Toggenburgs. Dort oben habe ich einen weiten Blick in alle vier Himmelsrichtungen.
Das nenne ich Weitblick – und den möchte ich mir unbedingt in vielen alltäglichen Dingen bewahren.
Redaktion: Wenn Sie heute einer jungen Frau aus dem Toggenburg begegnen würden, die grosse Träume hat, aber noch nicht weiss, wohin ihr Weg führt: Welchen Rat würden Sie ihr geben? Und was wünschen Sie sich, dass die Menschen eines Tages über Maria Walliser sagen – jenseits Ihrer Medaillen und Titel?
Walliser: Grosse Träume sind gut. Aber wir müssen sie auch leben. Und ja, eines Tages heisst es dann: RIP!
Dieser Artikel ist zuerst in der «Toggenburger Zeitung» erschienen.




