«Frauenspur Gossau»: Frauen machen stillgelegtes Bad zum Kultur-Ort

Im stillgelegten Hallenbad Rosenau erzählen Frauen ihre Geschichten. Ab dem 25. September zeigt die Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» ihre Lebenswege.

Es riecht gefühlt noch ein wenig nach Chlor, wenn man die Tür zum ehemaligen Hallenbad Rosenau aufstösst. Doch statt Planschen und Bahnenziehen erwartet die Besucherinnen und Besucher etwas anderes: Stimmen von Frauen, die erzählen. Von ihrem Leben, ihren Kämpfen, ihren Träumen.
Vom 25. September bis Ende Dezember verwandelt der Verein Frauenspur Gossau das stillgelegte Bad an der Friedbergstrasse in einen temporären Kulturort. Es entsteht eine Ausstellung, die berührt, zum Nachdenken anregt und vor allem eines tut: Frauen sichtbar macht.
Projektverantwortliche ist die Präsidentin des Vereins Frauenspur Gossau, Brigitte Hollenstein-Gemperle. Und Hollenstein-Gemperle kennt Gossau wie ihre Westentasche. Geboren und aufgewachsen in der Gemeinde, hat sie sich ihr Leben lang für Frauen engagiert.

So beispielsweise als Gründungspräsidentin des «Frauennetz Gossau», als Initiantin von Projekten zur Gleichberechtigung, als Sammlerin von Lebensgeschichten, die sonst vielleicht verloren gegangen wären. 2025 wurde ihr Wirken mit dem Gossauer Preis gewürdigt.
Vom Papier ins Hallenbad
Doch für Hollenstein-Gemperle geht es nicht um Auszeichnungen. Es geht um etwas Elementareres: «Wenn wir aufhören nachzufragen, versiegen ihre Geschichten», sagt sie einst gegenüber der Tageszeitung. Und genau das wollen sie und ihr Team rund um die interaktive Ausstellung im Hallenbad Rosenau verhindern.
Der Verein Frauenspur Gossau, 2022 gegründet, führt heute ein wachsendes Frauenarchiv, eine Website mit über 80 Lebensberichten, 700 Nachrufen und mehr als 200 digitalisierten Zeitungsartikeln. Zwei Bücher sind bereits erschienen: «Frauenspuren» über Frauen, die für Gossau etwas bewegt haben, und «Frauenwege» über Frauen, die mit Gossau verbunden sind.
Fast 1000 Exemplare des ersten Bands wurden verkauft. Vom zweiten Buch sind noch wenige Exemplare übrig. Es darf als Zeichen gewertet werden, dass da etwas getroffen wurde, das Menschen bewegt.
Die Geschichten aus den Büchern wollten die Frauen des Vereins zugänglich machen. Sie wollen die Geschichten erlebbar, greifbar und hörbar machen. Und sie wollen damit zur Diskussion anregen.

Also begaben sie sich wieder auf Spurensuche: in der Kantonsbibliothek Vadiana in St. Gallen, in Archiven, im Gespräch mit einer Soziologin über die Gesellschaftsgeschichte der Frau in der Ostschweiz. Denn: «Frauengeschichte ist Gesellschaftsgeschichte», sagt Hollenstein-Gemperle gegenüber den St. Galler Nachrichten.
Hallenbad war ein Glückstreffer
Doch wo sollte eine solche Ausstellung stattfinden? Ein Museum? «Utopisch», sagt eine aus dem Projektteam. Zu teuer, zu schwer zugänglich, zu distanziert. Als der Vorschlag kam, das stillgelegte Hallenbad Rosenau zu nutzen, war allen klar: Das ist es.
Das Bad, das seit Juli stillgelegt ist, wird für drei Monate zur Ausstellungshalle. Zwischen Umkleidekabinen, leerem Schwimmbecken und in ehemaligen Spinden entstehen Rauminstallationen, Hörstationen, persönliche Erinnerungsstücke.
Die besondere Architektur des Orts wird zur Bühne für Frauenbiografien, gesellschaftliche Umbrüche, Erfahrungen mehrerer Generationen.
In drei Abschnitte unterteilt
Die Ausstellung ist in drei Abschnitte unterteilt, die zusammen eine Geschichte erzählen. Und die Geschichte reicht von gestern über heute bis morgen.
Teil 1: Frauen gestern
Hier geht es um das 20. Jahrhundert. Um Geschichten, Zahlen, Fakten. Um Frauen, die gearbeitet haben, gekämpft haben, Familien ernährt, Vereine gegründet oder Politik mitgestaltet haben. Oft unsichtbar, meist unbezahlt und irgendwie dennoch selbstverständlich erwartet.
Teil 2: Frauen heute
Gleichstellung ist kein abgeschlossener Zustand. Dieser Teil zeigt, wo Fortschritte erreicht wurden, wo Ungleichheiten weiterhin bestehen, was noch fehlt und was sein soll. Es geht um Lohngerechtigkeit, um Care-Arbeit, um politische Teilhabe, um die Frage: Was heisst es heute, Frau zu sein?
Teil 3: Frauen morgen
Hier kommen die Jungen zu Wort. Die Mädchen-Sek Gossau (Maitlisek) hat unter Begleitung der Künstlerin Karin Karinna Bühler einen eigenen Teil der Ausstellung gestaltet.
Die Schülerinnen zeigen, wie sie sich als junge Frauen in der heutigen Gesellschaft sehen, wohin sie wollen und vor allem: was sie bewegt. «Sie sind laut. Und das gefällt uns sehr», sagt Brigitte Hollenstein-Gemperle.
Ein Raum für Austausch
Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» ist vom 25. September bis 31. Dezember jeweils Freitag bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist gratis, eine Kollekte wird erbeten. Es ist ein Ort, der zum Verweilen einlädt. Zum Zuhören. Zum Mitdenken. Zum Austausch.

Zwischen den Kabinen, am Beckenrand, an den Hörstationen mit persönlichen Erinnerungen entsteht etwas, das selten ist: ein Raum, in dem Frauen sich wiedererkennen können. Und es soll der Effekt entstehen, in dem andere verstehen lernen, was Frauen bewegt hat, bewegt und bewegen wird.
Eine Feststellung, kein Slogan
Am Ende bleibt ein Satz hängen, den Brigitte Hollenstein-Gemperle immer wieder sagt: «Frauengeschichte ist Gesellschaftsgeschichte.» Und das ist kein Slogan. Es ist eine Feststellung, die die Gossauerin im Laufe der Jahre gemacht hat.
Denn wenn man die Geschichten der Frauen erzählt, egal ob die unsichtbaren, die vergessenen oder die selbstverständlichen, dann erzählt man auch die Geschichte der Gesellschaft. Von ihrer Entwicklung, ihren Brüchen, und vor allem von ihren Möglichkeiten.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Gossauer Nachrichten» erschienen.








