Ohne Navi ans Nordkap: Autofans legen in 16 Tagen 7500 km zurück

Wil,
Von Hamburg bis ans Nordkap ohne Autobahn und Navi: Vier Autofans aus der Ostschweiz legen in 16 Tagen über 7500 Kilometer zurück.

Auf dem Vorplatz eines Einfamilienhauses im Zentrum der Gemeinde Zuzwil stehen zwei auffällige Autos: ein dunkelgrüner Volvo 240 Classic und ein roter Jeep Wrangler YJ. Die Dächer der beiden Wagen sind schwer beladen.
Den sauberen Lack zieren verschiedene farbige Sticker. Auf den Seitentüren kleben je zwei grosse runde Zahlen – die Startnummern für die nördlichste Rallye auf der Welt, den «Baltic Sea Circle».
7500 Kilometer in 16 Tagen
«Ich wollte so etwas schon immer mal machen», sagt Ivan Gschwend. Schon in seinen Zwanzigern war der Zuzwiler abenteuerlustig unterwegs. «Mit Freunden haben wir uns einfach ins Auto gesetzt und sind losgefahren. Einmal sind wir so bis nach Alaska gekommen», erinnert sich der 54-Jährige Zimmermann.
Jahre später setzt er sich wieder mit seinem Jugendfreund Alfred Ehrbar aus Eschlikon hinter das Steuer. Mit ihrem Jeep wollen sie 7500 Kilometer bestreiten – in 16 Tagen von Hamburg bis ans Nordkap und zurück.
Mit seiner Begeisterung hat der Zuzwiler auch seinen Sohn Ramon Gschwend und dessen Freund Samuel Wick angesteckt.
Am Samstag brachen die vier als zwei von knapp 120 weiteren Teams von Hamburg in Richtung Polarkreis auf. Auf der Route durch insgesamt neun Länder erwarten sie verschiedene Herausforderungen.
Kein Navi, keine Autobahn
«Es dürfen weder Navi noch GPS verwendet werden und auch Autobahnen sind verboten», erklärt Ramon Gschwend.
Ohne Google Maps auszukommen, sei für die beiden 20-Jährigen kein Problem, ist sich Samuel Wick sicher: «Darin haben wir bereits im Militär Erfahrung gesammelt.»
Dass sie keine genauen Anhaltspunkte für die Strecke haben, macht den vier Rallyefahrern nichts aus – im Gegenteil: «Wir sind so ausgerüstet, dass wir überall kochen und schlafen können», sagt Ivan Gschwend. «Wenn uns ein Ort gefällt, können wir da einfach bleiben. Das ist Freiheit.»
Halten müssen sich die beiden Teams nur an ein ungefähres Etappenziel pro Tag. «Damit wir es bis am 28. Juni wieder nach Hamburg schaffen, müssen wir täglich knapp 500 Kilometer zurücklegen», rechnet Ramon Gschwend.
Doch das Ziel der Rallye ist es nicht nur, die vorgegebene Strecke zu absolvieren, sondern auch, dabei möglichst viele Punkte zu sammeln.
Wer hilft, erhält Punkte
Erste Punkte werden für die Fahrzeuge vergeben. «Besonders alte oder ausgefallene Autos werden höher gewertet», erklärt Ivan Gschwend. Für die Teilnahme an der Rallye müssen Young- und Oldtimer mindestens 20 Jahre alt sein.
Bei der Anmeldung vor Ort erhalten die Teams jeweils ein Roadbook. Darin stehen verschiedene Aufgaben, welche die Teilnehmerinnen absolvieren können, um Punkte zu gewinnen.
Auch wer Hilfsbereitschaft beweist, wird belohnt: «Wenn man anderen Teams bei einer Panne hilft, bekommt man zusätzliche Punkte», weiss der 54-jährige Zuzwiler. Der Gewinner des «Baltic Sea Circle» erhält die Teilnahme im nächsten Jahr geschenkt.
Monatelange Vorbereitung
Um für allfällige technische und mechanische Zwischenfälle gewappnet zu sein, hat er den Jeep in den vergangenen Monaten mit seinem Teamkollegen auf Vordermann gebracht.
«Wir haben beinahe jedes Teil des Autos ausgewechselt und modifiziert», sagt Gschwend. Auch gute Pneus seien wichtig, betont er, denn im Norden seien die Strassen besonders rau.
Sein Sohn und Samuel Wick haben nicht ganz so viel Freizeit in die Vorbereitung ihres Volvos investiert. «Ein guter Service – das sollte reichen», so Ramon Gschwend. Sein sogenannter «Schwedenpanzer» mit Baujahr 1993 hat bereits 300'000 Kilometer auf dem Tacho.
«Das Gute an alten Autos ist: Da ist nicht viel dran – mit einem Schlüsselsatz kann man fast das ganze Fahrzeug auseinandernehmen und wieder zusammensetzen», betont der 20-jährige Zimmermann. «Ich glaube, man muss dafür ‹ächli en Chlütterli sii›», schmunzelt sein Vater.

Nach der intensiven Vorbereitungszeit begann die Reise für die beiden Ostschweizer Teams bereits am letzten Donnerstag. Bevor es in die unberührte Natur des Nordens ging, mussten sie erst knapp 1000 Kilometer zum Ausgangspunkt der Rallye nach Hamburg zurücklegen.
Danach führt die Route über Skandinavien bis zum Polarkreis, zu den Lofoten und ans Nordkap. Der Rückweg durchquert Finnland, das Baltikum und Polen.
Die Natur im hohen Norden ist der Grund, weshalb sich die vier Rallyefahrer für die Route des «Baltic Sea Circle» entschieden haben. «Tagelang durch kaum besiedeltes Land zu fahren und Orte zu sehen, an denen die Sonne nicht untergeht – das ist schon ein Erlebnis», so Ivan Gschwend.
«Wann sieht man sonst so viele verschiedene Länder auf ein Mal?», fügt Ramon Gschwend an. Bei einer Rallye sei definitiv der Weg das Ziel.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.






