Ostschweizer Seniorin setzt sich seit 40 Jahren für Obdachlose ein

Marlis Wildi (65) aus Oberuzwil SG setzt sich seit Jahrzehnten für Obdachlose ein. Mit ihrem Verein schliesst sie eine Lücke bei den staatlichen Angeboten.

Sonntagmorgen im St. Galler Kantipark. Während viele ausschlafen, herrscht an einer Ecke geschäftiges Treiben. Kisten werden ausgeladen, Töpfe bereitgestellt, der Duft von warmem Essen breitet sich aus.
Mittendrin steht Marlis Wildi (65) pensionierte Migros-Verkäuferin aus Oberuzwil, die noch stundenweise in Oberwinterthur arbeitet. Seit 40 Jahren unterstützt sie das Werk von Pfarrer Sieber.
Heute führt sie den Verein MRC Parkgemeinschaft. Ehemann Thomas hilft beim Transport, Tochter Cécile bei der Administration. Die zweite Tochter ist seit mehreren Jahren suchtkrank und kann nicht mehr mitwirken.
Überlebenshilfe im Sommer
Besonders im Juli und August ist die Hilfe gefragt. Dann schliessen Gassenküche und Heilsarmee in St. Gallen gleichzeitig wegen Betriebsferien.

Für Menschen, die ohnehin wenig haben, bedeutet dies eine zusätzliche schwierige Zeit. «Die Menschen haben auch in dieser Zeit Hunger, weshalb sie auf uns angewiesen sind», sagt Wildi.
Unter der Woche verteilt sie Sandwiches, Früchte, Gemüse und Snacks. An Sonntagen und Feiertagen kocht die Familie in Oberuzwil Menüs für mindestens 80 Personen und bringt sie nach St. Gallen. Finanziert wird alles durch Spenden.
Im Park geht es dabei um mehr als nur eine warme Mahlzeit. Die Helfer kennen viele der Menschen seit Jahren, wissen teilweise um deren Geschichten und versuchen, ihnen mit Respekt zu begegnen.
«Die Armut in der Stadt nimmt spürbar zu. Vor allem der Konsum von reinem, billigem Kokain und die Verbreitung von sofort abhängig machendem Crack prägen die Szene im Kantipark», sagt Wildi.
Über Jahre haben die Helfer Vertrauen aufgebaut. «Mein Mami ist ein Vorbild, für sie sind alle Menschen gleich», sagt Tochter Cécile. Wildi betont, wie wichtig Gespräche auf Augenhöhe und Zuhören sind, da viele Betroffene weder Familie noch enge Freunde haben.
Zuhören auf Augenhöhe
Der Alltag ist von emotionalen Extremen geprägt. Als Wildi nach einem Unfall einen Monat ausfiel, schickten ihr Menschen aus dem Park Briefe, Zeichnungen und Genesungswünsche. «Zu wissen, dass sie an mich denken und mich vermissen, hat mich sehr berührt.»
Solche Momente zeigen ihr, dass aus der anfänglichen Hilfe längst Beziehungen entstanden sind. Doch die Arbeit kennt auch Schattenseiten. Nicht selten sterben Menschen aus der Szene.
Das geht den Helfern nahe, besonders wenn sie eine Person über Jahre begleitet haben. Wildis wichtigste Lektion: «Nicht alles glauben, nicht alles persönlich nehmen, alle gleich behandeln und viel Verständnis für ihre Krankheit und Anliegen.»

Von der Politik wünscht sie sich mehr Offenheit und eine engere Zusammenarbeit mit erfahrenen Praktikern der Suchthilfe.
Ganzjährige Hilfe
Auch ausserhalb des Sommers bleibt das Team aktiv. Das ehemalige Kinderzimmer der Familie dient als Lebensmittellager. Wildi begleitet Menschen bei Behördengängen, Spitalbesuchen und Terminen, sammelt Kleider für die Gassenweihnacht und arbeitet als Nachtwache in der Notschlafstelle des Vereins Endlesslife.
Die Hilfe endet für sie nicht mit der Essensausgabe. Gerade im persönlichen Kontakt versucht sie, den Menschen das Gefühl zu geben, nicht völlig vergessen zu sein. Logistisch und finanziell stösst das Engagement an Grenzen.
Das Team ist deshalb auf Spenden angewiesen. Wenn am Sonntag der Duft von warmem Essen durch den Kantipark zieht, sollte das kein Grund zum Wegschauen sein, sondern eine Mahnung, die Armut vor der eigenen Haustür nicht zu übersehen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.





