Reservatspfleger: «Hoffe, dieser Sommer wird nicht zur Regel»

Die Hitze und Trockenheit machen sich auch im Hudelmoos in der Ostschweiz bemerkbar. Ein Besuch im Naturschutzgebiet zeigt die Folgen der anhaltenden Dürre.

Das Hudelmoos ist in vielerlei Hinsicht ein spezielles Naturschutzgebiet. Es liegt nicht nur direkt auf der Kantonsgrenze, besteht also aus einem Thurgauer und einem St. Galler Teil, sondern war lange durch den Torfabbau auch Energielieferant.
Zudem ist es ein doppeltes Naturschutzgebiet, wie Reservatspfleger Stephan Steger weiss: «Das Hudelmoos ist sowohl Schutzgebiet wegen des Moores als auch wegen der Amphibien.»
Im Einsatz für unser «Moos»
Wenn im Oberthurgau von einem Naturschutzgebiet die Rede ist, dann ist für Einheimische der Fall klar, wohin die Gedanken schweifen. Denn «mein» oder «unser Moos», wie das Hudelmoos von einigen seiner Bewunderer genannt wird, ist die natürliche Perle in der Region, die jeder kennt oder zumindest kennen sollte.

Wenige kennen das Hudelmoos aber wohl so gut wie Reservatspfleger Stephan Steger. Der ehemalige Zihlschlachter ist zwar zusammen mit einem Kollegen bei der Abteilung «Natur und Landschaft» im Amt für Raumentwicklung des Kantons Thurgau für die Pflege aller Naturschutzgebiete im Kanton verantwortlich, doch zum Hudelmoos hat er eine spezielle Beziehung:
«Seit 2003 bin ich zuständig für die Umsetzung der Pflege im Hudelmoos. Ich wohne zwar mittlerweile in Weinfelden, doch nebenbei mache ich hier immer noch regelmässig Führungen für naturbegeisterte Gruppen.»
Insbesondere die Libellen- und Vogelwelt im Hudelmoos haben es dem Naturliebhaber und passionierten Hobbyfotografen angetan, weshalb er gerne Beobachtungen dieser Tiere heranzieht, um klimatische Veränderungen im Hudelmoos aufzuzeigen:
«In den letzten zehn Jahren sind neue Libellenarten im Hudelmoos aufgetaucht, unter anderem die 'Südliche Mosaikjungfer' und die 'Gabel-Azurjungfer'. Dafür sind andere Arten verschwunden, zum Beispiel die 'Gemeine Binsenjungfer'.»
Verschiebung der Klimazonen
Grund für die Veränderung von Flora und Fauna ist die Veränderung des Klimas, erklärt Stephan Steger: «Nicht nur die Baumgrenze verschiebt sich immer weiter nach oben, sondern auch die nördliche und südliche Ausbreitungsgrenze erlebt Veränderungen.»
So würden im Hudelmoos einige Arten in nördlichere Gefilde wandern, dafür aber solche aus dem Süden dazustossen. «Nichts ist steter als der Wandel», meint der Reservatpfleger dazu und setzt die Führung durchs Hudelmoos am Donnerstag, 13. August, fort.

Schon nach wenigen Minuten Fussmarsch trifft Stefan Steger auf eine Gruppe Spaziergänger, die auf einer Sitzbank in der Nähe des Sumpfes, wo üblicherweise ein kleiner Teich ist, eine kurze Verschnaufpause macht.
«Jetzt ist es wirklich trostlos 'i mim Moos'», meint eine Spaziergängerin zum Anblick. Seit 1961 gehe sie regelmässig ins Hudelmoos, denn sie hätten in der Nähe einen Bauernhof betrieben.
Doch so etwas habe sie in all den Jahren noch nicht gesehen: «Wir hatten oft Hitzeperioden. Nur dauerten diese nie so lange wie jetzt.»
Ein anderer Spaziergänger erinnert sich an einen ähnlichen Sommer – und sogar an gewisse Auswirkungen fürs Hudelmoos: «Im Jahr 2003 war es auch ordentlich trocken. Seit damals gibt es keine Karpfen mehr hier.»
Dies sei ein willkommener Kollateralschaden gewesen, meint Stephan Steger dazu. Er ist sich jedoch nicht sicher, dass auch die ausgesetzten Goldfische im Hudelmoos nun das gleiche Schicksal ereilt:
«Fische sind im Amphibienschutzgebiet nicht erwünscht. Aber wahrscheinlich überleben auch jetzt ein paar, die irgendwo im Schlamm ausgeharrt haben.»
Hudelmoos, der Wärmespeicher
Wer einen Blick in die Geschichte des Hudelmooses wirft, der sieht allerlei verschiedene Kapitel. Lange Zeit war es vor allem ein Energielieferant, erzählt Stephan Steger: «Ein warmes Wohnzimmer hatte man wegen des Hudelmooses.
Durch ein Ofenrecht hatten Einheimische nämlich Anspruch auf den Abbau von Torf.» In mehreren Gemeinden rund ums Hudelmoos gab es Moos-korporationen, die genau regelten, wer an welchem Ort Torf abbauen konnte.
«Seit dem Jahr 2010 sind ihre Mitglieder in die Pflege des Hudelmooses eingebunden. Denn Torf wird ja seit den 50-er Jahren nicht mehr gestochen», erklärt der Reservatpfleger.
Folge des Torfabbaus ist nicht nur eine kleinere Torfschicht, die dazu geführt hat, dass das Hudelmoos nur noch im Zentrum ein Hochmoor ist, sondern auch, dass die Oberfläche des in den 70-er Jahren zum Naturschutzgebiet erklärten Geländes uneben ist und somit Wasser unterschiedlich speichert.
«Im lockeren Torfboden ist auch jetzt ohne noch Wasser gespeichert. Doch obwohl sich das Hudelmoos in vergangenen Sommern dank verschiedener Massnahmen wie Wassersperren länger feucht halten konnte, ist es jetzt doch sehr trocken», meint Stephan Steger.
Und so schnell wird sich die Lage im Hudelmoos auf natürliche Weise auch nicht verändern, denn Moore wachsen extrem langsam: «Ein Meter Torf entsteht in rund 1000 Jahren.»
Naturschutz heisst darum heute oftmals nicht mehr einfach nur, die Natur sich selbst zu überlassen, sondern der Natur unter die Arme zu greifen. Und gerade in Bezug auf Moore ist diese Aufgabe von grosser Wichtigkeit, erklärt Stephan Steger:
«Drei bis vier Prozent der Erdoberfläche sind Moore. Sie erfüllen klimatechnisch eine wichtige Aufgabe, da sie ein riesiger CO ₂ -Speicher sind.»
Ein kleiner Hoffnungsschimmer
Die entscheidende Frage für Stephan Steger ist jene, ob die jetzige Hitze- und Dürreperiode eine einmalige Erscheinung ist oder sie in kommenden Jahren die Regel werden.
«Die bereits getroffenen Massnahmen haben viel gebracht, doch es braucht mehr», meint der Reservatspfleger darum und ergänzt: «Doch mit allen Massnahmen können wir die Auswirkungen des Klimawandels schlussendlich nur abschwächen.»
Kurz vor Ende des Rundgangs durch das immer noch grüne, aber doch sehr trockene Hudelmoos meldete sich dann noch eine Ente stimmgewaltig mit einer Botschaft der Hoffnung. Denn wo es Enten gibt, da kann Wasser nicht weit sein.

Und so machte sich Stephan Steger zu einem schwer zugänglichen Teil des Naturschutzgebietes auf und verscheuchte dort tatsächlich eine Handvoll Enten bei ihrem Morgenbad:
«Damit hätte ich jetzt auch nicht gerechnet. Anscheinend war jedoch meine Vermutung korrekt, dass hier von einer Seite her das Grundwasser reindrückt», meint Stephan Steger mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
Das Anbringen der Wassersperren in Zusammenarbeit mit den Mooskorporationen habe also tatsächlich dazu geführt, dass das Grundwasser sich hier etwas sammeln konnte. Ein weiterer Beweis dafür, dass die Resilienz der Natur auch in einigen von uns Menschen noch anzutreffen ist.
«Ich hoffe, dieser Sommer wird nicht zur Regel. Trotzdem ist es eine Mahnung, die uns aufzeigt, dass wir generell mehr Speicher für das Regenwasser brauchen», so Stephan Steger.
Und obwohl er dies eigentlich nur in Bezug aufs Hudelmoos meint, scheint diese Aufforderung allgemein Gültigkeit zu haben.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Oberthurgauer Nachrichten» erschienen.






