St. Gallen

St. Gallen: Ist Versorgungs-Sicherheit gewährleistet, Marco Letta?

Franz Welte
Franz Welte

Stadt St. Gallen,

Während neun Jahren führte Marco Letta die St. Galler Stadtwerke durch den Wandel der Energieversorgung. Nun nimmt er Abschied.

Marco Letta
Marco Letta verlässt Mitte Jahr als Unternehmensleiter die St. Galler Stadtwerke. - zVg

In die Zeit seines Wirkens fällt der ökologische Umbau der Energieversorgung, insbesondere der Ausbau der Fernwärmeversorgung, die Verstärkung und Modernisierung des Stromnetzes, der stärkere Fokus auf Digitalisierung und Automatisierung sowie die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen.

Die von ihm postulierte Rechtsformänderung der Stadtwerke, damit diese in einer Zeit der Marktliberalisierung schneller und flexibler reagieren können, hat er nicht wie erwartet als Unternehmensleiter erleben können, da das Stadtparlament nach mehr als einem Jahr der Vorberatung die Vorlage an den Stadtrat zur Überarbeitung mit Beibehaltung der jetzigen Rechtsform zurückgewiesen hat.

In einem Interview mit dem Mitte Jahr zurücktretenden Unternehmensleiter Marco Letta blicken wir zurück auf seine wichtigsten Neuerungen und befassen uns auch kurz mit der Zukunft, in der die Stadtwerke weitere Schritte vollziehen müssen, um im liberalisierten Markt erfolgreich sein zu können.

Redaktion: Welches war aus Ihrer Sicht die grösste Neuerung, die Sie in Ihrer Amtszeit umgesetzt haben?

Marco Letta: Der wichtigste Punkt war wohl mein Anstoss zur Entwicklung des virtuellen Kraftwerks St. Gallen. Dabei werden unterschiedliche Sektoren der Energienutzung und -produktion intelligent so miteinander verknüpft, dass ein integriertes Energiesystem über verschiedene Infrastrukturen entsteht.

In St. Gallen setzen wir dafür auf das Zusammenspiel von Strom, Wärme und Mobilität – mittels Datentransport über das Glasfasernetz.

Redaktion: Was bringt die Entwicklung dieses «virtuellen Kraftwerks St. Gallen» im Quartier Russen/Hof?

Letta: Hier testen wir unter realen Bedingungen Optimierungsmöglichkeiten einer dezentralen, vernetzten und flexiblen Energieversorgung. Nur wenn wir Energieflüsse verstehen, messen und gezielt steuern können, lässt sich ein künftiges Energiesystem stabil und effizient betreiben.

Dabei entwickeln wir Lösungen auch für Bestandesbauten, die sich später auf andere Quartiere übertragen lassen. Dieses Projekt ist wichtig, um die energiepolitischen Ziele einer klimaschonenden Versorgung zu erreichen.

Redaktion: Konnte die neue Heisswasserspeicheranlage in der Au als zentrales Element der Fernwärmeversorgung schon ohne Probleme in Betrieb genommen werden?

Letta: Die Inbetriebnahme läuft und erste Tests waren erfolgreich. Der Heisswasserspeicher wird nun ins Gesamtsystem der Fernwärmeversorgung eingebunden, denn der Prozess, wie wir die Wärme optimal ins Netz bringen, läuft automatisiert.

Der Speicher ist eine wichtige Ergänzung im Fernwärmesystem, aber das zentrale Element für die Produktion der Wärme bleibt das Kehrichtheizkraftwerk im Sittertobel.

Redaktion: Welche Ziele waren Ihnen bei der Führung der Mitarbeitenden wichtig?

Letta: Eines meiner zentralen Anliegen war stets, unseren Mitarbeitenden ein Umfeld zu bieten, in dem sie sich entfalten können. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass Menschen dann ihre bestmögliche Leistung erbringen.

Und dies ist wichtig, wenn es um die sichere Versorgung der St. Galler Bevölkerung und Wirtschaft mit Energie und Wasser geht. Wir haben viele gute Mitarbeitende in allen Bereichen der St. Galler Stadtwerke und das bereitet mir viel Freude.

Bereitet dir das Problem der Energieversorgungs-Sicherheit Sorgen?

Redaktion: Welche Schritte sind aus Ihrer Sicht für die St. Galler Stadtwerke nach Ihrem Weggang dringend?

Letta: Die St. Galler Stadtwerke stehen vor grossen und zahlreichen Herausforderungen, da sich die Energieversorgung in einem grundlegenden Wandel befindet, der rasant vonstattengeht.

Sie sind dafür aber gut aufgestellt. Auch wenn das Stadtparlament die Rechtsformänderung der St. Galler Stadtwerke an den Stadtrat zurückgewiesen hat, bleibt die Ausweitung des Handlungsspielraums für diese ein zentrales Anliegen.

Redaktion: Ist die E-Mobil-Ladeinfrastruktur noch weiter auszubauen?

Letta: Auch hier sind wir mit hoher Schlagzahl in der Umsetzung. Unser Ziel ist es, alle Mehrfamilienhäuser in St. Gallen, die das möchten, mit Lademöglichkeiten auszustatten.

Dafür bieten wir massgeschneiderte Lösungen, die sich schrittweise der zunehmenden Nachfrage entsprechend ausbauen lassen. Dies tun wir in Zusammenarbeit mit lokalen Elektroinstallationsunternehmen.

Redaktion: Wie ist die heutige Versorgungssicherheit der Stadt bei Wasser, Gas, Elektrizität zu beurteilen? In welchem Bereich sind vordringlich noch weitere Massnahmen insbesondere beim Netz angezeigt?

Letta: Unser oberstes Ziel bleibt es, die Stadt St. Gallen sicher, wirtschaftlich und nachhaltig zu versorgen. Erfreulicherweise stehen das Stadtparlament und die städtische Bevölkerung zu den St. Galler Stadtwerken und unterstützen uns beim Gang in die Energiezukunft.

So durften wir in den letzten Jahren wichtige Zukunftsprojekte aufgleisen. Nebst dem Ausbau der Fernwärmeversorgung, handelt es sich dabei unter anderem auch um die Verstärkung des Stromnetzes, den flächendeckenden Rollout von Smart Metern und den Aufbau der digitalen Sicherheit in allen Netzen.

Redaktion: Haben Sie bei der Umsetzung des Energiekonzepts der Stadt St. Gallen 2050 Ihr persönliches Ziel und das Konzeptziel erreicht? Nehmen Sie an, dass das ehrgeizige Ziel 2050 erreicht wird?

Letta: Das Energiekonzept 2050 der Stadt St. Gallen hilft uns enorm, da es konkrete Zielsetzungen und Massnahmen enthält, von denen die St. Galler Stadtwerke viele umsetzen. Dabei handelt es sich vielfach um Generationenaufgaben und ich bin stolz darauf, dass ich bei einigen mitwirken durfte.

Die Pläne für die wichtigsten Projekte stehen, die Finanzierung ist wie erwähnt ebenfalls gesichert und die Mitarbeitenden der St. Galler Stadtwerke arbeiten jeden Tag daran, den ambitionierten, aber erreichbaren Zielen einer klimaneutralen Stadt ein Stück näher zu kommen.

Strom
Marco Letta: «Die Energieversorgung befindet sich in einem grundlegenden Wandel.» - keystone

Redaktion: Wie beurteilen Sie die Rückweisung der Vorlage der Umwandlung der Stadtwerke in ein selbstständiges öffentlich-rechtliches Unternehmen durch das Stadtparlament an den Stadtrat? Kann aus Ihrer Sicht die von der knappen Mehrheit des Stadtparlaments verlangte verstärkte Bewegungsfreiheit der Stadtwerke im heutigen rechtlichen Rahmen genügen?

Letta: Wir haben diese Vorlage über viele Jahre hinweg erarbeitet, weil wir der Ansicht sind, dass die St. Galler Stadtwerke einen grösseren Handlungsspielraum benötigen, um auch in Zukunft eine gute Ausgangslage zu haben.

Natürlich bin ich enttäuscht von diesem Entscheid, zumal mit dieser Vorlage die demokratische Mitsprache gewahrt geblieben und die Grundversorgung noch gestärkt worden wäre. Nun gilt es, neue Wege zu suchen.

Redaktion: Wie sieht Ihre berufliche Zukunft aus? Können Sie mehr Freizeit erwarten, als bei der Führung eines Versorgungsunternehmens in turbulenten Zeiten?

Letta: Ich habe viele Jahre Unternehmen in der Privatwirtschaft geführt, und zuletzt nun auch die St. Galler Stadtwerke. Damit verbunden war stets, ein hohes Mass an Verantwortung zu tragen, strategisch immer einen Schritt voraus zu sein und nicht zuletzt für das Wohl der Mitarbeitenden einzustehen.

In den letzten gut drei Jahren bis zur ordentlichen Pensionierung möchte ich deshalb etwas kürzertreten, auch wenn schon wieder einige Projekte auf mich warten.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.

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