Thur-Sanierung: Kantonsräte wollen Klarheit!

Ein neuer Vorstoss fordert mehr Transparenz bei den Kosten der Thursanierung in Wattwil. Er bringt zudem eine Verkleinerung des Projekts ins Spiel.

Die Toggenburger Kantonsräte Christian Vogel (SVP, Dietfurt), Ruben Schuler (SVP, Mosnang) und Adrian Gmür (Die Mitte, Bütschwil) erhöhen den Druck auf die St. Galler Regierung. Mit einem neuen Vorstoss verlangen sie Antworten zur umstrittenen Thursanierung Wattwil.
Im Zentrum stehen die seit Jahren steigenden Kosten sowie die Frage, ob das Projekt ausserhalb des Siedlungsgebiets deutlich verkleinert werden könnte. Für die Politiker ist insbesondere die Kostenentwicklung nicht länger akzeptabel.
Während die Schätzung aus dem Jahr 2019 noch von rund 45 Millionen Franken ausging, wurden 2023 bereits 112 Millionen Franken ausgewiesen. Ende 2025 stiegen die Projektkosten auf 129 Millionen Franken an.
«Die Steuerzahlerinnen und Steuerzahler haben ein Recht auf die Kosten-Wahrheit», halten die Kantonsräte fest. Seit zwei Jahren müsse die Regierung die Resultate ihrer angekündigten Kostenüberprüfung liefern.
Noch immer fehle jedoch eine vollständige Offenlegung der Kosten, der Finanzierung und der möglichen Einsparpotenziale. Dabei hatte die Regierung nach der öffentlichen Mitwirkung sechs Prüfaufträge angekündigt. Fünf davon wurden inzwischen veröffentlicht.

Ausgerechnet die Überprüfung der Kosten – der sechste Prüfauftrag – steht bis heute aus. Die Kantonsräte wollen deshalb wissen, wann die Ergebnisse endlich vorliegen und ob mit den aktuellen 129 Millionen Franken tatsächlich das Ende der Steigerungen erreicht ist.
Millionenprojekt trotz Sparpaket im Kanton
Besonders kritisch sieht FDP-Vize-Fraktionspräsident Ruben Schuler die Entwicklung. Erst im März beschloss der Kanton St. Gallen ein Sparpaket von 180 Millionen Franken. Gleichzeitig steigen die Kosten der Thursanierung Wattwil seit Jahren kontinuierlich an.
Unklar sei zudem, wer welche Kosten überhaupt tragen soll. Für die Thursanierung wurde eigens ein Spezialgesetz geschaffen. Dieses sieht vor, dass die Gemeinde Wattwil lediglich zehn Prozent der sogenannten «anrechenbaren Kosten» übernehmen muss.
Welche Projektteile als anrechenbar gelten, welche Kosten Bund, Kanton und Gemeinde tatsächlich tragen und wie hoch die einzelnen Beiträge ausfallen, ist jedoch bis heute nicht transparent ausgewiesen. Brisant ist dabei auch ein früherer Vorstoss im Kantonsrat vom Herbst 2023.

Daraus ging hervor, dass der Gemeindeanteil von Wattwil als gebundene Ausgabe gilt und damit nicht dem kommunalen Finanzreferendum untersteht. Die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger können somit nicht über den Millionenbetrag abstimmen.
Neue Forderung: Thur nicht mehr verbreitern
Erstmals schlagen die Kantonsräte nun auch eine konkrete Verkleinerung des Projekts vor. Ab dem Hochhaus Schmidenbach soll flussabwärts in der Schomatten und im Flooz auf die geplante massive Verbreiterung der Thur verzichtet werden.
Gemäss den aktuellen Plänen würde die Thur im Gebiet Schomatten der Fluss von 47 auf 82 Meter verbreitert werden. Im Gebiet Flooz soll die Thur von heute rund 51 Metern auf 92 Meter anwachsen. Jurist
Christian Vogel hebt hervor: «Bei der Postbrücke im Zentrum von Wattwil genügen 30 Meter Sohlen-Breite, in den Wiesen in der Schomatten müssen es neu 45 bis 50 Meter sein.» Das sei unglaubwürdig. Nach Ansicht der Politiker geht es ausserhalb des Dorfes längst nicht mehr um den Schutz von Wohnhäusern oder Infrastrukturen, sondern vor allem um ökologische Aufweitungen des Flussraums.
«Im Gebiet Flooz und Schomatten ist praktisch ausschliesslich Landwirtschaftsland betroffen. Dort geht es nicht mehr um eigentlichen Hochwasserschutz, sondern um eine ökologische Verbreiterung der Thur», so Vogel.
Er, selbst auf einem Landwirtschaftsbetrieb aufgewachsen, ergänzt: «Hier handelt es sich um bestes Wies- und Ackerland, nämlich um geschützte Fruchtfolgeflächen für die Ernährung der Bevölkerung in Kriegs- und Krisenzeiten.»
Statt die Thur weit über die bestehenden Baumalleen hinaus auszudehnen, solle der Fluss innerhalb des heutigen Korridors mehr Raum erhalten. Dadurch könnten wertvolle Flächen erhalten bleiben. Lieber solle Landwirtschaftsland statistisch einmal in hundert Jahren überflutet werden, als es dauerhaft mit Baggern und Erdverschiebungen zu zerstören.
Rund 50’000 Quadratmeter Landwirtschaftsland würden geschont, Grundeigentümer würden entlastet, die beliebten Baumalleen könnten erhalten bleiben und gleichzeitig liessen sich Millionenbeträge einsparen. Die Toggenburger Kantonsräte betonen jedoch ausdrücklich, dass sie sich weiterhin zu einem wirksamen Schutz vor Ausschwemmungen bekennen.
In den Gebieten Schomatten und Flooz sollen deshalb die bestehenden Uferverbauungen erneuert und wo nötig verstärkt werden dürfen.
Auch langfristige Unterhaltskosten im Fokus
Neben den Investitionskosten von mittlerweile 129 Millionen Franken verweisen die Kantonsräte auch auf die Folgekosten des Projekts. Durch die geplanten grossflächigen Verbreiterungen der Thur würden nach Hochwasserereignissen deutlich mehr Kies, Sand, Schwemmholz und weiteres Geschiebe im Flussraum liegenbleiben.

Dieses Material müsse regelmässig mit Maschinen entfernt werden, um den Hochwasserabfluss sicherzustellen. Nach Ansicht der Vorstossunterzeichner werde in der öffentlichen Diskussion zu wenig beachtet, dass die Thursanierung nicht nur hohe Baukosten verursache, sondern auch dauerhaft höhere Unterhaltsausgaben nach sich ziehen könne.
Kritik an der Fällung von Bäumen entlang der Thur
Ein weiterer Streitpunkt ist die geplante Fällung von rund 220 Bäumen entlang der Thur. Dabei handelt es sich überwiegend um ältere Alleebäume, die das Landschaftsbild entlang des Flusses seit Jahrzehnten prägen. Vogel sieht darin einen Widerspruch innerhalb der kantonalen Politik:
«Der Kanton investiert Geld in Programme zur Beschattung von Gewässern und will entlang von Bächen und Flüssen zusätzliche Bäume pflanzen. Gleichzeitig sollen bei der Thursanierung in Wattwil rund 220 prächtige Alleebäume gefällt werden.»
Das passe schlicht nicht zusammen. Auch aus Sicht des Gewässerschutzes sei die geplante Rodung fragwürdig. Wenn die grossen Bäume verschwinden und an ihrer Stelle breite Kiesflächen entstehen, erwärme sich das Wasser stärker.
«Der Kanton spricht überall von der Kühlung der Gewässer– hier macht er genau das Gegenteil», kritisiert Vogel.
Bevölkerung blickt seit Jahren kritisch auf das Projekt
Die Thursanierung sorgt seit Jahren für Diskussionen. Bis heute gingen im St. Galler Parlament bereits fünf Vorstösse ein. Zehn der elf Toggenburger Kantonsräte engagieren sich im Vorstand der IG Vernünftige Thursanierung Wattwil.
Zu den meisten Kritikpunkten gehören die Kosten, der Verlust von Landwirtschaftsland, die geplante Fällung von 220 Alleebäumen, die Eingriffe ins Grundeigentum sowie die aus Sicht vieler Betroffener überdimensionierte Verbreiterung der Thur.
«Die St. Galler Regierung darf endlich merken, dass man hier im Tal mit einer übertriebenen Thursanierung nicht einverstanden ist», so Schuler. Zudem verweisen die Politiker auf Auswertungen der Mitwirkung, wonach 55 Prozent der Bevölkerung der Thursanierung kritisch gegenüberstehen.

Weitere 27 Prozent würden einzelne Elemente unterstützen, andere jedoch ablehnen. Lediglich 18 Prozent seien vorbehaltlos für das Projekt. Mit ihrem Vorstoss verlangen Vogel, Schuler und Gmür Antworten auf sieben konkrete Fragen.
Nebst der längst versprochenen Kostenüberprüfung wollen sie unter anderem wissen, wie das Nutzen-Kosten-Verhältnis von 1,4 berechnet wurde, wann die Thursanierungs-Varianten dem Bundesamt für Umwelt vorgelegt werden und ob die Regierung bereit ist, die Thursanierung auf das eigentliche Siedlungsgebiet zu konzentrieren.
Für Vogel und Schuler ist klar: Bevor das Geschäft voraussichtlich Anfang 2028 in den Kantonsrat gelangt, müsse die Bevölkerung wissen, was es tatsächlich kostet – und ob der Hochwasserschutz auch mit deutlich weniger Eingriffen in Landwirtschaft, Landschaft und Eigentum erreicht werden kann.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in der «Toggenburger Zeitung» erschienen.







