Werner Erb ist die gute Seele in der Churer Drogenszene

Chur,
Diese Woche startet in Chur die Einrichtung für den kontrollierten Drogenkonsum in Graubünden. Die Eröffnung wird seit Jahren erwartet, diskutiert und bekämpft – auch von denen, welche die Drogenszene in der Bündner Hauptstadt seit Jahrzehnten kennen. Ein Porträt des Sozialarbeiters Werner Erb.

«Es ist Vollmond, die Leute drehen durch», erzählt ein Mann im Stadtpark von Chur, während er sich einen Kaffee zubereitet. Im Schatten der Statue des Dichters Johann Gaudenz von Salis sucht ein Mann um die 50 auf dem Boden nach weissen Steinchen: Base, also mit Ammoniak gekochtes Kokain. «Er hat wahrscheinlich seit Tagen nicht geschlafen», sagen die anderen aus der Szene.
Im Park im Zentrum der Stadt Chur kreuzen sich die Geschichten und Schicksale zahlreicher Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben. Werner Erb kennt die meisten von ihnen. Der Sozialarbeiter war 17 Jahre für den Verein Überlebenshilfe in Chur tätig.
Seit über zehn Jahren ist er pensioniert. Dennoch geht er jeden Mittwoch in den Stadtpark. Mit Freiwilligen bringt er Kleidung, warme Decken, Kaffee, Kekse und Sandwiches mit. Und er probt mit seiner Alphorn-Gruppe.
«Der Wechsel von Heroin zu Kokain war eine schlechte Entwicklung», erklärt Erb in einem Interview mit Keystone-SDA. «Die Leute sind nervöser, aggressiver. Oft essen sie nicht mehr und schlafen tagelang nicht», so der Sozialpädagoge weiter.
Die Drogenszene im Stadtpark von Chur existiert seit etwa 30 Jahren, wie aus einem Dokument der Stadt vom April 2021 hervorgeht. Im Jahr 2000 wurde eine Ambulanz für die Behandlung und Beratung von Drogenabhängigen, vor allem Heroinsüchtigen, eröffnet. In den letzten 7 bis 8 Jahren hat sich die Situation radikal verändert. Der Grund: Crack und Base.
Diese aus Kokain gewonnenen Substanzen lösen innerhalb weniger Sekunden eine euphorisierende Wirkung aus, die etwa zehn Minuten, manchmal sogar weniger, anhält. Gerade diese kurze, intensive Wirkung führt zu einem besonders hohen Suchtpotenzial.
Innerhalb weniger Jahre hat sich in Chur eine der grössten offenen Drogenszenen der Schweiz entwickelt. An schönen Tagen treffen sich bis zu 50 Personen im Stadtgarten. Und die Tendenz ist steigend. «Durchschnittlich haben wir es pro Jahr mit etwa fünf Betäubungsmittelkonsumenten mehr zu tun im Stadtgarten», erklärte der Kommandant der Stadtpolizei, Andrea Deflorin, am Montagabend an einer Informationsveranstaltung.
In den letzten Jahren ist die Drogenszene zum Thema in der kantonalen Politik geworden. In der Dezembersession 2018 reichte Grossrat Tobias Rettich (SP) die erste Motion ein, die die Schaffung eines Raums für den kontrollierten Konsum von Betäubungsmitteln und einer Anlaufstelle forderte.
Acht Jahre später wird nun diese Forderung Wirklichkeit: Der Raum wird in der zweiten Märzhälfte seine Türen öffnen. Im Juni 2024 stimmten 66 Prozent der Bürger einem Rahmenkredit von 3,88 Millionen Franken zu. Das Geld wird für die Durchführung des Pilotprojekts in den nächsten drei Jahren verwendet.
Auch Werner Erb setzt sich seit über 20 Jahren für einen Konsumraum ein. «Ich habe mich für die Heroinabhängigen eingesetzt, die nicht in Ruhe und an einem kontrollierten Ort konsumieren konnten. Bei dem hektischen Hin- und Herlaufen mit den Nadeln bestand die Gefahr von Hepatitis, Aids und ich weiss nicht, was noch alles», erzählt Erb.
Die Situation hat sich geändert. «Heute raucht man die Dosis in 30 Sekunden. Das kann man überall tun.» Ist ein Ort für kontrollierten Drogenkonsum also überflüssig geworden? «Nicht jeder wird den Sinn darin sehen, ins Welschdörfli zu gehen, um 30 Sekunden zu rauchen», sagt Werner Erb. Er werde versuchen, die Leute zu motivieren, dorthin zu gehen.
Die Einrichtung am Seilerbahnweg 7 im Stadtteil Welschdörfli wird von 11 bis 19 Uhr geöffnet sein und ist volljährigen Drogenabhängigen mit Wohnsitz in Graubünden vorbehalten. In diesem Zeitraum dürfen Drogen nicht mehr im Stadtpark konsumiert und verkauft werden.
In der Kontakt- und Anlaufstelle neben dem Konsumraum werden die Drogenabhängigen Essen und Trinken erhalten, ihre Kleider waschen, sich reinigen und schlafen können. Sie erhalten Hilfe und Unterstützung. Das ist laut Werner Erb der wichtigste Aspekt.
Inzwischen sind die Kekse auf dem Tisch, den der Rentner jeden Mittwoch aufstellt, fast aufgegessen. Ein grosser Mann kommt hinzu und beginnt, seine Geschichte zu erzählen, von den dunklen Zeiten und seinen Zukunftsplänen. «Etwa 20 bis 25 Prozent der Menschen schaffen es aus der Drogenszene heraus. Die anderen fallen leider wieder hinein.»
Für sie wird Werner Erb auch nach der Eröffnung des Konsumraums jeden Mittwoch wieder in den Stadtpark kommen. Seiner Meinung nach werden nicht weniger Menschen im Park sein. «Sie haben keine andere Heimat als den Stadtpark. Und das ist ihre Familie. Und dorthin werden sie zurückkehren.»




