Toggenburg

    Nöldi Forrer: «Kids wissen, dass bei uns noch vieles in Ordnung ist»

    Thomas Renggli
    Thomas Renggli

    Toggenburg,

    Arnold «Nöldi» Forrer wurde 2001 Schwingerkönig – zu einer Zeit, als ein Hauptsponsor noch 3000 Franken im Jahr bezahlte.

    Arnold «Nöldi» Forrer, der König des Toggenburgs. Heute ist er als Käseproduzent und Schwing-Kommentator (fast) so erfolgreich wie 
früher im Sägmehl.
    Arnold «Nöldi» Forrer, der König des Toggenburgs. Heute ist er als Käseproduzent und Schwing-Kommentator (fast) so erfolgreich wie früher im Sägmehl. - zVg

    Das Wichtigste in Kürze

    • «Sein» Toggenburg hat Schwingerkönig Nöldi Forrer weit über die Kindheit hinaus geprägt.
    • Im grossen Interview spricht er über den Schwingsport im Wandel – und seinen Schwinger-Ruhestand.

    Redaktion: Nöldi Forrer, wenn Sie an Ihren grössten Sieg 2001 zurückdenken: Ist das Schwingen von heute noch mit damals vergleichbar?

    Nöldi Forrer: Ja. Die Schwingart und -weise und das Schwingen selbst haben sich nicht gross verändert. Es steckt sicher nicht weniger Kraft dahinter, eher noch mehr. Attraktivere Gänge und schöne Schwünge hat man früher mindestens so viele gesehen wie heute.

    Verändert hat sich vor allem das ganze Drumherum: der Druck wegen der Medienpräsenz und natürlich die Sponsoren. Als ich Schwingerkönig wurde, hatte ich praktisch keine Sponsoren.

    Redaktion: Sie waren mitten im Übergang von der Tradition zur Kommerzialisierung.

    Nöldi Forrer: Wir waren sicher ein Stück weit mitverantwortlich dafür, dass dieser Hype ums Schwingen ausgelöst wurde. Wir haben in TV-Sendungen mitgemacht, in verschiedenen Formaten und Geschichten. Dadurch nahm das Medieninteresse gewaltig zu. Und irgendwann kamen auch die Sponsoren.

    Redaktion: Was bedeutete damals ein Hauptsponsor?

    Nöldi Forrer: Einmal kam jemand und sagte: «Hauptsponsor, 3000 Stutz im Jahr.» Danke vielmals. Super. Heute ist der Schwingerkönigstitel angeblich eine Million Franken wert. Für 3000 Franken kriegst du nicht einmal mehr einen eidgenössischen Kranzschwinger als Werbeträger.

    Heute sind Schwinger mit ihren Werbepartnern ähnlich präsent wie Skifahrer. Kappen und T-Shirts mit Sponsorenlogos gehören dazu.

    Geniesst heute auch einen ruhigen Sonntag. Nöldi Forrer hat in die Position des Beobachters und Kommentators gewechselt.
    Geniesst heute auch einen ruhigen Sonntag. Nöldi Forrer hat in die Position des Beobachters und Kommentators gewechselt. - zVg

    Redaktion: Ist das gut?

    Nöldi Forrer: Es ist schön, wenn die Schwinger etwas zurückerhalten und mit ihrem Sport Geld verdienen können. Aber ich glaube nicht, dass Profitum für den Athleten generell gut ist.

    Für Einzelne mag es funktionieren. Für die meisten ist es kaum ideal, wenn sie nur noch ums Schwingen herum denken und keine Abwechslung mehr durch Beruf oder etwas anderes haben.

    Redaktion: Sie haben während Ihrer ganzen Karriere als Käser gearbeitet. War dies ein Teil Ihres Erfolgs?

    Nöldi Forrer: Ja, das denke ich definitiv. Wenn ich nicht nebenbei gearbeitet hätte, hätte ich diesen Erfolg wohl nicht gehabt. Vielleicht hätte ich den einen oder anderen Gang mehr gewonnen, weil ich wegen der Arbeit vielleicht einmal eine Verletzung hatte und meinem Körper nicht genügend Ruhe gönnen konnte. Aber grundsätzlich war die Arbeit ein ganz wichtiger Ausgleich.

    Arnold Forrer
    Arnold Forrer arbeitete auch während seiner Schwingerzeit als Käser. - keystone

    Redaktion: Aber die Vereinbarkeit zwischen Spitzensport und Arbeit ist nicht selbstverständlich…

    Nöldi Forrer: Nein. Allgemein war ich immer unter Druck. Wenn ich irgendwohin musste, war ich oft unter Zeitdruck und spät dran. Aber die Arbeit hat mir auch eine andere Welt vermittelt und geholfen, nicht immer an den Sport zu denken.

    Redaktion: Das Toggenburg gilt als «Tal der Könige».

    Nöldi Forrer: Das ist es eine Zeit lang gewesen, bevor die bösen Bären gekommen sind.

    Redaktion: Was hat die Landschaft mit dem Menschen Nöldi Forrer gemacht?

    Nöldi Forrer: Ich war schon als Bub gerne auf der Alp, draussen und in der Natur. Das bekommt man mit. Ich habe heute noch ein schlechtes Gewissen, wenn die Sonne scheint, ich frei hätte, aber im Haus bleibe.

    Redaktion: Warum?

    Nöldi Forrer: Früher hiess es immer: «Bei dem schönen Wetter bleibt man nicht zuhause.» Also: Raus mit dir! Das bleibt hängen. Wir haben hier oben noch ein Stück weit eine heile Welt.

    Geniesst den Blick auf das Toggenburg. Nöldi Forrer fühlt sich in seiner Heimat gut aufgehoben.
    Geniesst den Blick auf das Toggenburg. Nöldi Forrer fühlt sich in seiner Heimat gut aufgehoben. - zVg

    Redaktion: Eine heile Welt, die Sie auch Ihren Kindern vermittelt haben?

    Nöldi Forrer: Meine Tochter und mein Sohn wissen, dass hier noch vieles in Ordnung ist. Gerade wenn man hört und sieht, was sonst in der Welt abgeht.

    Redaktion: Was macht das Toggenburg für Sie so besonders?

    Nöldi Forrer: Dass man hier seine Ruhe findet und mitten in der Natur ist. Du kommst von irgendwoher ins Toggenburg – und fühlst dich wie in einer anderen friedlichen Welt. Ich bin aber froh, ist dies nicht allzu vielen Leuten bewusst. Sonst wäre es vermutlich plötzlich ziemlich überlaufen hier.

    Redaktion: Das Tal hat neben Ihnen und Jörg Abderhalden auch Simon Ammann, einen der erfolgreichsten Schweizer Sportler der Geschichte, hervorgebracht. Was ist das Geheimnis?

    Gewann in seiner Karriere 151 Kränze und 2001 den Titel des Schwingerkönigs. Forrer zählt zu den erfolgreichsten Schwingern der Geschichte.
    Gewann in seiner Karriere 151 Kränze und 2001 den Titel des Schwingerkönigs. Forrer zählt zu den erfolgreichsten Schwingern der Geschichte. - zVg

    Nöldi Forrer: Beim Schwingen sind wir miteinander und dank einander stärker geworden. Jeder hatte seinen Ehrgeiz. Mit guten Trainingspartnern wirst du automatisch besser. Bei Simon und allgemein ist es wohl dieses Unverblümte und Bodenständige: Man macht einfach und hat Freude an dem, was man macht. Wenn du etwas mit Freude tust, kommt der Erfolg fast von alleine.

    Redaktion: Bodenständigkeit scheint im Toggenburg ein Erfolgsfaktor zu sein.

    Nöldi Forrer: Ja. Einfach das Normale. Man ist einfach und bodenständig.

    Redaktion: Sie hätten vermutlich auch in anderen Sportarten Talent gehabt.

    Nöldi Forrer: Beim Skifahren mache ich keine schlechte Figur. Wir sind als Buben aber lieber über die Schanzen gesprungen, wie Simon. Von der Statur her wäre ich im Skispringen aber chancenlos.

    Redaktion: Wenn Sie in Zürich aufgewachsen wären, hätten Sie vielleicht nie gemerkt, dass Sie ein Schwingtalent sind.

    Nöldi Forrer: Das ist möglich. Bei uns gab es aber einfach nichts anderes. Wir waren ein 400-Seelen-Dorf. Als ich sieben oder acht Jahre alt war, wurde eine neue Turnhalle gebaut, mit einem Schwingkeller. Einen Fussballklub gab es nicht. Tennis war teuer. Skifahren kostete ebenfalls viel. Schwingen hingegen kostete nichts.

    Arnold Forrer
    Arnold Forrer beim St.Galler Kantonalen 2019. - keystone

    Redaktion: 2024 kam der Film «Nöldi Forrer – Ein Wille aus Titan» ins Kino. Wie fühlt es sich an, wenn das eigene Leben plötzlich auf der Leinwand läuft?

    Nöldi Forrer: Ich habe zu diesem Projekt «Ja» gesagt, ohne gross zu überlegen, was es bedeutet. Irgendwann war der Film da und ich realisierte: Das ist ein Film über mich. Da wurde es mir etwas peinlich. Sich selbst auf der Leinwand zu sehen, ist sehr speziell.

    Redaktion: Bei der Premiere konnten Sie kaum hinschauen?

    Nöldi Forrer: Nein. Aber jemand sagte zu mir: «Du kannst stolz sein. Wer kann schon sagen, dass er einen Film über sich selbst hat?» Da dachte ich: Stimmt eigentlich. Und später kann ich den Film einmal meinen Grosskindern zeigen. Das bleibt.

    Redaktion: Noch überraschender war Ihr Auftritt bei «The Masked Singer Switzerland». Als Seegott wurden Sie Zweiter. Hinter Baschi und vor Eliane Müller. Die beiden sind in der Musik nicht ganz branchenfremd. Sie offenbar auch nicht…

    Nöldi Forrer: Als Kind war ich bei den «Steiner Chind», einem Jugendchor. Wir hatten Tonträger und Fernsehauftritte. Ich habe schon früh gemerkt, dass ich zu Liedern eine zweite Stimme singen kann. Aber einfach so zu singen, war mir immer peinlich.

    Arnold Forrer
    König Arnold Forrer im Jahr 2016 gegen einen seiner späteren Nachfoler Armon Orlik. - keystone

    Redaktion: Mit Maske nicht?

    Nöldi Forrer: Nein. Da habe ich sofort zugesagt. Ich dachte: Mich sieht niemand. Niemand kann mich anschauen, wenn ich Englisch singe. Du wirst nicht auf die Person reduziert. Hätte es geheissen: «Der Schwingerkönig singt», hätte ich vermutlich viel Kritik anhören müssen.

    Redaktion: Wie intensiv verfolgen Sie das Schwingen heute noch?

    Nöldi Forrer: Ich habe in die Beobachterposition gewechselt und kommentiere das Geschehen in einem Podcast für den «Blick». Ich schaue die Ranglisten an, wer gegen wen gewonnen oder geschwungen hat. Wenn es im Fernsehen kommt, schaue ich natürlich auch. Aber ich muss nicht mehr an jedes Schwingfest gehen.

    Redaktion: Geniessen Sie diese neue Rolle?

    Nöldi Forrer: Sehr. Es ist wirklich ein Dürfen geworden. Früher bin ich immer entweder am Arbeiten oder am Schwingfest gewesen. Heute muss ich nicht mehr überall dabei sein. Wenn ich einmal einen Sonntag nichts habe, geniesse ich das.

    Redaktion: Auch der Familie zuliebe?

    Nöldi Forrer: Genau.

    Redaktion: Sie haben eine Tochter und einen Sohn. Welche Werte aus dem Schwingen wollen Sie ihnen mitgeben?

    Nöldi Forrer: Nicht einmal unbedingt aus dem Schwingen heraus. Generell ist das Wichtigste, ehrlich zu sein. Und zu verstehen, dass Niederlagen zum Gewinnen gehören. Ohne Verlierer gibt es auch keine Sieger. Und egal, was man macht: Man soll es gern machen, mit Herzblut dabei sein und Spass haben. Dann kommt es auch gut.

    Arnold Forrer
    Schwingerkönig Arnold Forrer trainiert mit Kindern im Königscamp. - keystone

    Redaktion: Wie sieht das Schwingen in zehn Jahren aus?

    Nöldi Forrer: Vermutlich ziemlich ähnlich wie heute. Grössere Arenen wird es irgendwann nicht mehr brauchen. Du kannst nicht immer höher bauen und weiter weg sitzen. Irgendwann siehst du gar nichts mehr. Ich glaube, in Sachen Dimensionen hat sich das Ganze eingependelt.

    Redaktion: Und das Wichtigste bleibt?

    Nöldi Forrer: Dass die Ruhe und das Normale an einem Schwingfest erhalten bleiben. Du kannst deinen Rucksack liegen lassen, zum Mittagessen gehen, und wenn du zurückkommst, ist alles noch da. Du kannst sogar dein Portemonnaie oder den Autoschlüssel verlieren – und irgendwann wird es vom Speaker ausgerufen. Jeder bringt seinen Schinken, Käse und sein Getränk in einer Glasflasche mit. Das ist einzigartig. Ich hoffe, dass es immer so bleibt.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in den «Toggenburger Zeitung» erschienen.

    Kommentare

    User #2463 (nicht angemeldet)

    Kein Schwingen : Unser Kind geht besser in die Musikschule 🎶

    User #5912 (nicht angemeldet)

    Wer das sagt, meint das Gegenteil.

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