Thurgau

Warum im Bodensee über 100 Leichen verschwunden bleiben

Keystone-SDA Regional
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Bodensee,

Im Bodensee sind in den vergangenen Jahren Dutzende Menschen verschollen. Viele der Schicksale bleiben ungeklärt. Eine Rolle spielen dabei die Grösse des Sees, aber auch der langsame Verwesungsprozess von Körpern im Wasser.

Immer wieder ertrinken Menschen im Bodensee. Einige von ihnen werden über Jahre nicht gefunden. (Archivbild)
Immer wieder ertrinken Menschen im Bodensee. Einige von ihnen werden über Jahre nicht gefunden. (Archivbild) - KEYSTONE/GAETAN BALLY

Im August 2025 waren technische Taucher im Bodensee vor Überlingen auf einem Trainingstauchgang, als die Übung eine unerwartete Wendung nahm: In einer Tiefe von 102 Metern stiessen die Taucher auf eine Leiche. Normalerweise wird in derartigen Tiefen in der Folge ein Unterwasserroboter mit Greifarm für die Bergung von Bodensee-Toten eingesetzt, doch weil der Tote bereits teilweise skelettiert war, konnte dieser nicht zum Einsatz kommen.

Auch deutsche Polizeitaucher konnten den Leichnam wegen der grossen Tiefe nicht bergen. Hilfe kam dann aus der Schweiz: Eidgenössische Polizeitaucher, ausgestattet mit sogenannten Kreislaufgeräten, können tiefer tauchen als ihre deutschen Kollegen. Sie bargen die Leiche spurenschonend aus der Tiefe des Bodensees. Dafür wurde der Körper auf eine Korbtrage umgelagert und langsam an die Oberfläche gehoben.

Der Tote konnte im Anschluss rasch identifiziert werden. Die Überraschung: Es waren bereits 16 Jahre vergangen, seit der Mann als vermisst gemeldet worden war. Was ihm in den letzten Minuten seines Lebens genau geschehen ist, weiss keiner. «Hinweise auf eine Fremdeinwirkung konnten nicht ermittelt werden und die rechtsmedizinische Untersuchung ergab, dass der Mann durch Ertrinken gestorben war», wie das Polizeipräsidium Einsatz in Göppingen auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA mitteilte.

Die Leiche des Mannes ist nicht die einzige, die lange Zeit im Bodensee liegt. Die Seepolizeibehörden der drei Anrainer führen eine inoffizielle Liste, auf der alle vermissten und mutmasslich im Bodensee ertrunkenen Personen aufgeführt sind: «Derzeit stehen 103 vermisste Personen auf der Liste», sagte Marcel Kuhn, Dienstchef der Seepolizei der Kantonspolizei Thurgau auf Anfrage.

Nach der Bergung des Toten im August konnte eine vermisste Person von der Liste der im Bodensee Verschollenen gestrichen werden, aber schon kurze Zeit später stand ein neuer Vermisster drauf. «Es wurde ein Boot ohne Personen an Bord auf dem Bodensee gefunden, von dem Eigentümer keine Spur», so Kuhn. Was genau passiert ist, sei nicht zu rekonstruieren.

«Die schiere Grösse und Tiefe des Bodensees lässt meist keine lückenlose Suchaktion zu», sagte der Polizei-Dienstchef. Die Schweiz teilt sich den gewaltigen See mit Österreich und Deutschland: Die Wasserfläche umfasst 536 Quadratkilometer, also etwas mehr als die Fläche des gesamten Kantons Basel-Landschaft. Das Ufer ist 273 Kilometer lang, an der tiefsten Stelle ist der See 251 Meter tief. Ohne konkrete Hinweise sei die Suche nach einem Toten wie die Suche nach der berühmten Stecknadel im Heuhaufen.

Mit den Strömungen im Bodensee können Leichen über weite Strecken an das andere Ende des Bodensees treiben, oder sogar in den Rhein. Und wenn die Körper im Bodensee nach unten sinken, hält sie laut Kuhn schon ab etwa 30 Metern Tiefe der Druck der Wassersäule förmlich gefangen. «Es gibt im Bodensee Strömungen in verschiedenste Richtungen, die treibende Personen oder Leichen über weite Strecken transportieren können.»

«In tiefen Wasserschichten gibt es kaum Sauerstoff und die Temperaturen sind niedrig. Deswegen ist auch der Verwesungsprozess dort äusserst langsam», sagte Rechtsmediziner Sebastian Kunz auf Anfrage. Eigentlich sei es gerade der Verwesungsprozess, der mit seiner Gasbildung nach einiger Zeit zu einem Auftrieb von Leichen führt und diese dann wieder an die Wasseroberfläche befördert. «Diese Gasbildung vollzieht sich bei niedrigen Temperaturen zwar sehr langsam, aber oft gibt es mit der Zeit auch bei diesen Leichen einen Auftrieb», so der Rechtsmediziner.

Wenn es dann erst nach Jahren zu einem Auftrieb der Leiche kommt, kann sich diese im Schlamm oder in Pflanzen verfangen und deswegen trotz der Gasbildung nicht auftauchen. In der Tiefe von Gewässern kann das Fleisch der Leichen auch Krustentieren als Nahrung dienen. Überwiegt in der Folge der Knochenanteil, entsteht kein nennenswerter Auftrieb mehr, sodass die Überreste dauerhaft auf dem Grund bleiben.

In Tiefen ab 30 Metern kann es auch zur sogenannten Fettwachsbildung bei Leichen kommen. «Der Mensch lebt mit verschiedensten Bakterien in einer Symbiose, die allerdings nach dem Tod Teil des Verwesungsprozesses werden», so Kunz. Bei Kälte und Sauerstoffmangel sind nur bestimmte Bakterien in der Lage, ihre Lebensprozesse aufrechtzuerhalten. «Bakterien, die unter diesen Bedingungen noch zu Stoffwechselprozessen in der Lage sind, können Fettsäuren nicht abbauen.» Dadurch komme es zu einer grau-weissen Fettwachsbildung auf der Haut der Leichen, auch Leichenwachs genannt. Durch diesen Prozess wird die Leiche immer schwerer, weswegen sie keinen Auftrieb mehr erhält und in der Tiefe bleibt.

«Was viele Menschen täuscht, ist, dass die Liegezeit einer Wasserleiche anfangs oft schwierig zu beurteilen ist», sagte Kunz. Im Brienzersee im Berner Oberland wurde etwa 1996 eine Leiche gefunden, die mit Leichenwachs umhüllt in einem recht guten Zustand war. Bei der forensischen Untersuchung stellte sich allerdings gemäss Medienberichten heraus, dass der Mann bereits vor etwa 250 bis 300 Jahren gestorben war.

Für die Rechtsmediziner sind Kieselalgen ein entscheidender Hinweisgeber. «Diese winzigen Organismen werden auch Diatomeen genannt. Sie kommen in verschiedenen Gewässern in sehr unterschiedlichen Konzentrationen und Artenzusammensetzungen vor», erklärte der Rechtsmediziner.

Der Nachweis grösserer Mengen an Diatomeen in Lunge und Organen kann daher nicht nur das Ertrinken selbst belegen, sondern auch Hinweise auf den genauen Ort des Ertrinkens liefern. So weist ein Fluss typischerweise eine andere Diatomeenzusammensetzung auf als der Bodensee selbst. Wenn die inneren Organe der Leiche untersucht und Kieselalgen gefunden werden, kann also recht treffsicher bestimmt werden, wo der Mensch seinen letzten Atemzug gemacht hat.

Trotz dieser modernen forensischen Untersuchungsmöglichkeiten bleiben viele Schicksale im Bodensee weiterhin ungeklärt.

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