Bauern erschöpft: «Jede Nacht holen LKWs Wasser aus See für Felder»

Die Trockenheit bringt viele Herausforderungen mit sich. Ein Rundumblick auf die Situation der Betroffenen in der Ostschweiz.

Das Wichtigste in Kürze
- Durch die Trockenheit werden bereits Winterlager an Raufutter angezapft.
- Bereits jetzt wird 20 Prozent weniger Milchertrag verzeichnet.
- Der fehlende Regen zwingt Betroffene zum Improvisieren.
Bei Fabian Hug klingelt während unseres Interviews viermal das Telefon. Er wirkt entspannt, auch wenn die Lage alles andere ist. Sein Credo: «Zuerst ruhig bleiben, Lage abschätzen und nach Lösungen suchen.»
Diese sind aktuell beschränkt, doch: «Es bringt nichts, jetzt in Panik zu geraten. Der 38-jährige führt in Muolen den Familienbetrieb Hug Landwirtschaftsprodukte und ist ein relevanter Produzent und Lieferant für Raufutter. «Es ist Fakt, dass es zu wenig Raufutter hat. Es ist Fakt, dass viele bereits das Winterlager verfüttern. Und es ist auch Fakt, dass wir aktuell wenig daran ändern können», sagt er.

Teils sei sein Betrieb der fünfte in einer Folge von verzweifelten Anrufen bei Raufutterhändlern- und Produzenten. Der Tonfall liesse teils zu wünschen übrig. «Die Reaktion ist ineffizient, wenn auch verständlich. Es geht um das Leben der Tiere, nicht um ein abgestürztes Computersystem.» Die Konsequenz von fehlendem Raufutter ist einfach. Kühe werden krank bei nicht artgerechter Fütterung.»
Bereits jetzt gebe es 20 Prozent weniger Milchertrag. Die Abfolge von negativen Entwicklungen ist lang. Bereits sind Notschlachtungen im Gange. Trächtige Kühe zu schlachten gehe gegen die Ethik, so Hug. Doch kaufen möchte sie aktuell eigentlich keiner. Denn der Preis für Kühe geht markant zurück.
Die Vegetation sei aber noch nicht zu Ende und die Hoffnung bestehe, dass sich die Lage entschärfen könne. «Ich aktiviere alle auch noch so fernen Lieferanten, doch zum Teil ist es auch ein logistisches Problem, die Ware zu transportieren.»
Raufutterbörse lanciert
Stefanie Giger vom Verband Thurgauer Landwirtschaft spricht von einer prekären Situation für einige Betriebe. «Eine ähnliche Lage hatten wir bereits 2018», weiss die Kommunikationschefin. Dort wurde erstmals die Raufutterbörse lanciert, deren Durchführung sich nun (leider) wiederholt.
«Der Verband Thurgauer Landwirtschaft (VTL), der St. Galler Bauernverband (SGBV), die Genossenschaft Thurgauer Milchproduzenten (TMP), die Genossenschaft Vereinigte Milchbauern Mitte-Ost (VMMO), die Beratung des Arenenbergs (BBZA) sowie der Maschinenring (MR) haben sich kürzlich über mögliche Hilfestellungen ausgetauscht», so Stefanie Giger. Daraus sind zwei Initiativen entstanden: der Aufruf «Futter statt Gründüngung» und die Raufutterbörse. Ein grosses Potenzial liege in der Zusammenarbeit unter Nachbarn.
«Viele Betriebe bestellen derzeit Saatgut, um bei den erhofften Niederschlägen Zwischenkulturen anzusäen. Hier lohnt sich der Austausch.» Wer nach Getreide ohnehin eine Gründüngung plant, könnte stattdessen ein Zwischenfutter anbauen und dieses einem Betrieb mit Futterbedarf zur Verfügung stellen. «Entscheidend ist, dass miteinander gesprochen wird solange das Zeitfenster für die Ansaat noch offen ist.»
Geringere Erntebestände
Florian Sandrini, Leiter Beratung Pflanzenbau am Arenenberg, läuft durch den Schulgarten. «Die Pflanzen sind gestresst», sagt Sandrini. «Wir funktionieren an der Sonne bei 30 Grad auch anders.» Ähnlich ist es bei den Pflanzen. Bei grosser Hitze und Trockenheit versuchen sie, möglichst wenig Wasser zu verlieren. Dafür schliessen sie teilweise ihre Spaltöffnungen in den Blättern.

Dadurch verdunstet weniger Wasser, gleichzeitig wird aber auch die Photosynthese gebremst. Die Pflanze wächst langsamer und konzentriert sich darauf, die Trockenheit zu überstehen. Die Lernenden sehen hier eins zu eins, wie die verschiedenen Kulturen auf Wetterbedingungen reagieren.
«Eindrücklich lässt sich das gerade an den mit unterschiedlichen Pflanzen zusammengesetzten Futterbaumischungen erkennen», so Sandrini.
Für die Zukunft gedacht
Die aktuelle Situation sei das eine, doch: «Wir müssen Strategien für die Zukunft entwickeln.» Er spricht von Projekt Integrales Wassermanagement, welches 2025 startete und vom Bund mitfinanziert wird. Wie bewässert man möglichst effektiv, also ohne Abgang in die Atmosphäre?
Wie kann der Boden Wasser besser aufnehmen, wie kann das Speichervolumen erhöht werden? Auch künstliche Intelligenz ist involviert. Sie berechnet den optimalen Zeitpunkt für die Bewässerung.
Sensoren im Boden schlagen an, wenn ein Wassermangel besteht und stellen gleichzeitig sicher, dass nur so viel bewässert wird, wie auch sinnvoll ist. Wenn die Wurzel einer Pflanze 20 Zentimeter im Boden liegt, muss nicht auf 22 Zentimeter bewässert werden.» Agroscope, die auch im Projekt ist, entwickelt zurzeit pflanzenbasierte Sensoren.
Mit dieser Technologie erhofft man sich nochmals 30 Prozent Wasser einzusparen.» Was nach Zukunftsmusik klingt, wird bereits hart erprobt. Auch in der Swiss Futurefarm in thurgauischen Ettenhausen werden hoch moderne Praxisversuche durchgeführt.
Von der Gründüngung mittels Drohnensaat bis zur Messung der Bodenenzymaktivität mit der SEAR-Technologie. Doch Regen kann auch die Landwirtschaft der Zukunft in diesen Tagen nicht heraufbeschwören.
Wasser aus dem See
Für den Bio-Gemüsebauern Urs Dünner gäbe es zurzeit nichts Schöneres als einen Regentag. Er klingt müde am Telefon. «Jede Nacht holen wir mit drei Lastwagen Wasser aus dem See und tränken die Felder», sagt er.
Der Arbeitsaufwand der letzten Woche sei bald nicht mehr tragbar. Kemmental bezieht ein Teil des Wassers von der Wasserversorgung Region Kreuzlingen. Die tägliche Lieferkapazität liegt bei 1300 Kubikmeter.
Aktuell viel zu wenig, da alleine die Bewässerung der Landwirtschaftsflächen in Kemmental 500 bis 1000 Kubikmeter Wasser benötigen. Bereits im Mai 2025 kam das Thema zur Sprache, eine Lösung für eine kurzfristige Intervention bei solch Extremsituationen gibt es nicht. Es sei zermürbend zu wissen, dass es eigentlich genug Wasser hätte, um zeitsparend zu bewässern.

Der Hof Tschannen in Illighausen lebt von verschiedenen Standbeinen. Aktuell ein grosser Vorteil. «Für unsere Rinderaufzucht benötigen wir weniger Raufutter als für Milch- oder Mutterkühe. Doch auch unser Winterlager wird kaum reichen.»
Die Familie führt den Betrieb aber in einer zukunftsweisenden Art. «In Zusammenarbeit mit dem Partnerbetrieb Brunehof in Oberhofen nutzen wir bereits die Strukturen und Gegebenheiten des anderen für den Futter und Ackerbau», so Claudia Tschannen. Solidarität und Synergiennutzung wird wohl in Zukunft wichtiger sein denn je.
Dieser Artikel ist zuerst in den «Frauenfelder Nachrichten» erschienen.





