Thurgau

    «Kühe können nicht einfach Milch mit mehr Protein geben»

    Wiesy Imhof
    Wiesy Imhof

    Münchwilen,

    Die Schweizer Milchwirtschaft steht vor wachsenden Herausforderungen. Mooh-Geschäftsführer René Schwager ordnet die aktuelle Marktlage ein.

    Milchabholung auf dem Betrieb (2)
    Mooh-CEO René Schwager ist seit seiner Kindheit mit den Herausforderungen der Milchbauern vertraut. - zVg

    Das Wichtigste in Kürze

    • Die heimische Milchwirtschaft befindet sich seit Jahren in einem strukturellen Wandel.
    • Die wirtschaftlichen Herausforderungen haben dabei kontinuierlich zugenommen.
    • Im Nachgang zur Ernährungsinitiative äussert sich Mooh-Geschäftsführer René Schwager zur aktuellen Marktlage.

    René Schwager ist auf einem Bauernhof im Hinterthurgauer Weiler Ifwil, einem Ortsteil von Bichelsee-Balterswil aufgewachsen.

    Die ländliche Idylle, vor allem aber das bäuerliche Umfeld, hat seine gesamte berufliche Laufbahn geprägt. Seit Abschluss des Agronomiestudiums an der ETH Zürich ist Schwager in der Milchwirtschaft tätig.

    Redaktion: René Schwager, Ende September haben die Schweizer Stimmbürger über die Ernährungsinitiative abgestimmt und diese klar abgelehnt. Wie zufrieden sind Sie mit dem Ergebnis?

    René Schwager: Natürlich freut mich das Abstimmungsresultat. Die Milchbauern sind davon zwar weit weniger betroffen, als es bei der Fleischproduktion der Fall ist. Dennoch drückt es indirekt auch ein gewisses Vertrauen gegenüber der Landwirtschaft in ihrer Gesamtheit aus.

    Redaktion: Haben Sie mit diesem deutlichen Votum gerechnet?

    Schwager: Selbst wenn sich die Tendenz abgezeichnet hat, hat mich die Deutlichkeit des Resultats doch überrascht. Ein hoher Grad der Selbstversorgung wäre durchaus ein unterstützenswertes Anliegen.

    René Schwager: «Die Betriebe arbeiten sehr viel kapitalintensiver.»
    René Schwager: «Die Betriebe arbeiten sehr viel kapitalintensiver.» - zVg

    Die Eingriffe in unsere Ernährungsgewohnheiten, die mit der Initiative verbunden gewesen wären, haben der kritischen Betrachtung der Stimmbürger aber offensichtlich nicht standgehalten.

    Redaktion: Was bedeutet das Abstimmungsergebnis für die Schweizer Milchproduzenten?

    Schwager: Obwohl die Milchproduzenten nur indirekt von der Abstimmung betroffen waren, stützt das deutliche Votum der Bevölkerung wie gesagt eine graslandbasierte Milchproduktion in der Schweiz.

    Redaktion: Sie sind selbst auf einem Bauernhof aufgewachsen. Wie hat Ihre Herkunft die spätere berufliche Laufbahn geprägt?

    Schwager: Ich habe mich schon immer mit der Landwirtschaft verbunden gefühlt. Seit 29 Jahren bin ich für die Milchbauern tätig. Hierfür schlägt mein Herz.

    Redaktion: Wenn Sie an Ihre Kindheit zurückdenken, welche grundlegenden Veränderungen in der Milchwirtschaft beobachten Sie gegenüber früher?

    Schwager: Die Betriebe arbeiten sehr viel kapitalintensiver. Dies setzt ein erhöhtes Mass an Professionalität voraus, damit die Wirtschaftlichkeit überhaupt gegeben ist. Es braucht ein Zusammenspiel von Effizienz und Nachhaltigkeit.

    Insbesondere das Bewusstsein für die Schonung der Ressourcen hat stark zugenommen. Milchprodukte verbindet man meist mit ursprünglicher Tradition.

    Redaktion: Wie sieht es in Ihrem Unternehmen mit Innovationen aus? Was hat sich diesbezüglich in den letzten Jahren getan?

    Schwager: Der klassische Milchkonsum hat über die Jahre stark abgenommen. Der Käsekonsum pro Kopf ist hingegen auf hohem Niveau konstant geblieben.

    Eine beachtliche Zunahme ist dagegen im Bereich der funktionellen Milch zu beobachten. Milchmischgetränke mit gesundheitsfördernden Inhaltsstoffen sind absolut im Trend.

    Redaktion: Nicht zuletzt unter dem Einfluss von sozialen Medien können sich Ernährungsgewohnheiten rasch verändern. Wie flexibel können die Schweizer Milchproduzenten auf derartige Veränderungen reagieren und wo sehen Sie mögliche Hindernisse?

    Schwager: Den Milchproduzenten selbst bietet sich da nur wenig Spielraum für kurzfristige Anpassungen. Kühe können nicht kurzfristig auf die Produktion von zum Beispiel Milch mit höherem Proteingehalt umgestellt werden. Das hat insbesondere mit langen Zuchtzyklen zu tun, die genetisch bedingt sind.

    Dagegen können die Verarbeitungsbetriebe wie etwa Molkereien relativ schnell auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren.

    Redaktion: Inwieweit beeinflusst beispielsweise der anhaltende Protein-Hype Ihren Markt?

    Schwager: Dieser Einfluss ist sehr deutlich spürbar. In Asien war der Trend schon länger zu beobachten. Die Nachfrage nach Lebensmitteln mit hohem Proteingehalt und eher unterdurchschnittlichem Fettanteil hat stark zugenommen. Dies spiegelt sich aktuell in einer hohen Nachfrage nach Milch- und Molkenproteinen wider.

    Proteinpulver und Shake mit Hanteln
    René Schwager: «Die Nachfrage nach Lebensmitteln mit hohem Proteingehalt und eher unterdurchschnittlichem Fettanteil hat stark zugenommen.» (Symbolbild) - Depositphotos

    Redaktion: Seit einiger Zeit konkurrieren im Handel verschiedene alternative Produkte mit der klassischen Milch. Stellen Hafermilch, Sojamilch oder Mandelmilch eine ernsthafte Konkurrenz zur tierischen Milch dar?

    Schwager: Der Marktanteil dieser Produkte ist eher gering. Für die tierische Milch stellen die Alternativen keine wirkliche Konkurrenz dar.

    Redaktion: Als Genossenschaft der Milchbauern vermarkten Sie Milch von gegen 4000 Landwirtschaftsbetrieben. In welchem Mass vermag das inländische Angebot generell die Nachfrage nach Milchprodukten zu decken?

    Schwager: Milch deckt den inländischen Bedarf aktuell zu etwa 102 Prozent ab. Bei Butter besteht eine leichte Überproduktion und Käse wird zu rund 25 Prozent importiert, wobei hier gleichzeitig auch ein namhafter Export stattfindet.

    Redaktion: Wie wirkt sich die Trockenheit dieses Jahres auf die Produktion aus? Wie stellt sich die Lage aktuell dar?

    Schwager: Die Situation hat sich wieder etwas beruhigt. Dies können wir allein schon aufgrund der abgelieferten Milchmengen beobachten, welche im Juli stark eingebrochen waren und sich wieder auf gewohntem Niveau stabilisiert haben. Für den bevorstehenden Winter müssen aber viele Betriebe Futter zukaufen.

    Redaktion: Sie sind seit einiger Zeit auch in China aktiv. Welche Produkte vermarkten Sie dort?

    Schwager: In Asien ist die Nachfrage nach Functional Food schon länger sehr gross. Milchprodukte mit erhöhtem Eiweissanteil oder Kalziumgehalt sind besonders gefragt. Auch Käsesorten mit diesen Eigenschaften werden vom Markt gut angenommen, solange sie eher mild sind.

    Mit einem rezenten Appenzeller können Sie einen Asiaten eher nicht begeistern. Eine weitere Besonderheit lässt sich in Asien beobachten. Auf die Verpackung wird extrem viel Wert gelegt. Viel mehr, als dies bei uns der Fall ist.

    Kaufst du bewusst «High Protein»-Produkte?

    Redaktion: Rechnet sich das Engagement in Asien oder bleibt es eher bei einem Versuch?

    Schwager: Wir sind mittlerweile seit gut zehn Jahren in China präsent und haben seit längerem ein eigenes Team vor Ort. Die Nachfrage steigt kontinuierlich. China ist ein klassischer Wachstumsmarkt, der für uns wirtschaftlich absolut interessant ist.

    Redaktion: Kann die Schweiz mit ihren kleinräumigen Verhältnissen und der anspruchsvollen Topografie international überhaupt erfolgreich sein?

    Schwager: Billig und Masse funktionieren nicht. Dafür sind die Löhne zu hoch und das Land ist zu knapp. Eine Differenzierung ist dagegen über die Qualität und die Herkunft sowie die Innovationskraft möglich. Das sind unsere Stärken. Im Premiumsegment haben wir deshalb durchaus Chancen.

    Hinweis

    Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.

    Kommentare

    User #1768 (nicht angemeldet)

    Es hat in der SVP eindeutig zu viele Zwischenverdiener.

    User #4317 (nicht angemeldet)

    Das ist aber schade 🐄🐮

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