Nach über 400 Bewerbungen: Jetzt hat Thurgauer (54) einen Job

Trotz über 400 Bewerbungen suchte Marco Tinbergen (54) während zwei Jahren vergeblich eine Stelle. Nun hat es mit einem Job geklappt – auch dank einer Leserin.

Das Wichtigste in Kürze
- Marco Tinbergen aus Amriswil gibt Einblick in die Schwierigkeiten, denen Menschen über 50 auf dem Arbeitsmarkt begegnen.
- Trotz über 400 Bewerbungen suchte der 54-Jährige während zwei Jahren vergeblich eine Stelle.
- Nun konnte Tinbergen vor Kurzem eine Stelle in St. Gallen antreten.
Anfang Juni gewährte Marco Tinbergen aus Amriswil Einblick in die Schwierigkeiten, denen Menschen über 50 auf dem Arbeitsmarkt begegnen. Da der Artikel «Die unendliche Stellensuche» zu vielen Reaktionen führte und das Thema «arbeitslos 50 plus» allgemein viele Menschen beschäftigt, werden folgend einige neuen Einsichten zusammengetragen.
Zuerst aber eine positive Nachricht: Marco Tinbergen konnte vor Kurzem eine Stelle bei HOCH Health Ostschweiz in St. Gallen antreten. Die Stelle wurde ihm über LinkedIn von einer Leserin angeboten.
Und obwohl die Anstellung «nur» befristet bis Ende März ist, konnte so doch ein erstes Etappenziel erreicht werden: «Ich bin unglaublich froh, dass die Gefahr der Aussteuerung vorläufig vom Tisch ist. Doch Ziel ist weiterhin eine Festanstellung.»
Wenn Maschinen den Bewerbungsprozess übernehmen
«Arbeitslos 50 plus» ist ein Thema, dass viele Menschen bewegt. Insbesondere beim Bewerbungsprozess online haben viele selbst Betroffene Erfahrungen gemacht, die aufhorchen lassen.
Denn es scheint tatsächlich so, dass man heutzutage vor dem eigentlichen Ziel einer neuen Stelle die Herausforderung meistern muss, überhaupt mit einem Menschen in Kontakt zu kommen. Ein grosses Hindernis auf dem Weg zu einer neuen Stelle ist das Überwinden der «digitalen Hürde».
Denn die meisten Bewerbungen werden heute nicht mehr von Menschenhand auf ihre Relevanz geprüft, sondern durch Maschinen. Insbesondere die Künstliche Intelligenz (KI) macht es den HR-Abteilungen von grossen Unternehmen, aber immer häufiger auch von KMUs, einfacher, eine Vorsortierung auf digitalem Weg durchzuführen.
«Du kommst gar nicht mehr in Kontakt mit realen Menschen, sondern wirst umgehend von KI aussortiert», meint Marco Tinbergen zu diesem Phänomen, auf das er während seiner langen Stellensuche häufig getroffen ist.
Diese Entwicklungen seien für die Stellensuchenden sehr frustrierend, da man trotz genau passender Qualifikationen für einen Job und sorgfältig verfassten Bewerbungsschreiben keine Beachtung erhalte.
«Stellenausschreibungen sehen alle gleich aus, werden durch ‹Copy & Paste› erstellt und vielleicht noch etwas abgeändert. Von uns Bewerbern erwartet man jedoch, dass man ein tolles Märchen schreibt, das alle sofort begeistert», sagt Marco Tinbergen.
Dies zeige eindeutig das Ungleichgewicht der Machtverhältnisse auf, denn erfolge eine Bewerbung grundsätzlich ja immer von beiden Seiten: «Leute müssen schliesslich auch Bock haben, für ein Unternehmen zu arbeiten.»
In der Redaktion der Oberthurgauer Nachrichten trafen nicht nur mehrere Mails ein, die Marco Tinbergen bei seiner Arbeitssuche unter die Arme greifen wollten, sondern auch einige von selbst Betroffenen, die ähnliche Erfahrungen bei der Stellensuche machen mussten.
In einer Einsendung einer Leserin ist zu vernehmen, dass sie mit ähnlichen Herausforderungen zu kämpfen hat, wie Marco Tinbergen in «Die unendliche Stellensuche» wiedergab. «Ihr Artikel spricht mir zur Seele heraus. Bei uns Frauen beginnt dies bereits mit 45 Jahren», schreibt sie.
Man bekomme auch keine Vorstellungsgespräche und müsse sich schlussendlich beim Sozialamt melden oder sich selbständig machen. Und bei Absagen heisse es immer, dass man sehr viele Bewerbungen auf die ausgeschriebene Stelle erhalten habe und darum leider absagen müsse.
«Eine Begründung weshalb, bzw. was einem gefehlt hat, damit man in die nächste Runde kommt, gibt es auch bei einer Nachfrage nicht.»
Und eine Leserin berichtet in einer Einsendung sogar davon, dass diese Praxis auch jüngere Menschen betrifft. Im konkreten Fall habe eine 23-Jährige, die gut ausgebildet, ehrgeizig, konstruktiv und flexibel ist, auf zahlreiche Bewerbungen keine positive Antwort und oftmals nicht einmal eine Reaktion erhalten.
«Überall heisst es, dass junge, innovative, flexible Arbeitskräfte gesucht werden. Nur wo? Und wie kommt man dann an die Personalverantwortlichen heran?»
Was tun?
Auf der Webseite www.karriere-thurgau.ch ist der Artikel «Ü50 und auf Stellensuche» zu finden. Dort heisst es ziemlich bald einmal, dass die Situation bei uns in der Schweiz gar nicht so schlimm ist und sie noch viel schlimmer sein könnte.
Denn laut dem Bundesamt für Statistik sei die Erwerbsquote von Menschen über 50 Jahren in der Schweiz hoch: «Sie liegt sogar über derjenigen der jüngeren arbeitsfähigen Personen. Zudem liegt die Arbeitslosenquote älterer Personen hierzulande deutlich unter dem europäischen Durchschnitt.»
Das es dennoch ein Problem gibt, wird dann im Artikel doch auch noch angesprochen: «Die Arbeitswelt ist durch Klischees über ältere Bewerberinnen und Bewerber geprägt. Diese schrecken manche Arbeitgeber ab, Bewerbungen von ü50 anzuschauen.»
Um was für Klischees es sich dabei handelt, wird auch angesprochen. So werde häufig von über 50-Jährigen geringere Flexibilität und weniger Leistungsfähigkeit erwartet. Und zudem könne die nahende Pensionierung dazu führen, dass mehr Kosten durch Sozialleistungen anfallen würden, ganz zu schweigen von den höheren Lohnerwartungen.
Auch auf der verlinkten Webseite jobagent.ch wird darauf hingewiesen, dass es nicht einfach sei, mit über 50 Jahren einen neuen Job zu finden. Denn ist Arbeitnehmenden ü50 würden viele Vorurteile entgegengebracht – und darum sei es so wichtig, diese zu widerlegen.
«Heben Sie sowohl im Bewerbungsschreiben als auch im Lebenslauf und im Bewerbungsgespräch souverän Ihre Stärken hervor und präsentieren Sie sich modern und selbstbewusst. Sie gehören noch nicht zum ‹alten Eisen› und können mit Ihrer Lebens- und Berufserfahrung beim potenziellen Arbeitgeber punkten.»

Zudem solle man darauf achten, Technikaffinität auszustrahlen und Mut zu zeigen, Neues anzupacken: «Lassen Sie sich von einem aufwendigen und langwierigen Bewerbungsprozess nicht abschrecken und bewerben Sie sich auf Jobs ü50, denn durch den demografischen Wandel sind durchaus auch ältere Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gefragt!»
Was sich in der Theorie schön anhört, scheint jedoch sehr weit von der gängigen Praxis auf dem Stellenmarkt entfernt zu sein und darum wenig Nutzen zu haben.
Denn auch wenn man im Bewerbungsschreiben souverän die eigenen Stärken hervorhebt, sich modern und selbstbewusst präsentiert und nicht schnell aufgibt, wird man häufig schon aussortiert, bevor die erste Zeile des Bewerbungsschreibens überhaupt gelesen ist.
Im gleichen Boot
Auch Karsten Schröder aus Romanshorn hat sich in Anschluss auf den Artikel «Die unendliche Stellensuche» bei der Oberthurgauer-Nachrichten-Redaktion gemeldet: «Ich bin selbst 54 Jahre alt und suche seit langer Zeit eine neue Stelle. Trotz mehrerer hundert Bewerbungen, grosser Flexibilität und der Bereitschaft, praktisch überall in der Schweiz neu anzufangen, ist es mir bisher nicht gelungen, wieder Fuss im Arbeitsmarkt zu fassen.»
Der Bericht habe ihn sehr bewegt, weil er sich darin an vielen Stellen selbst wiedergefunden habe. Doch gerade darum habe der Artikel auch die Frage aufgeworfen, wieso «nur» die Lösung einer verzwickten Situation eines Einzelschicksals und nicht jene des grundlegenden Problems ins Auge gefasst werde.
«Denn ich habe den Eindruck, dass die Schwierigkeiten von Stellensuchenden über 50 ein viel grösseres gesellschaftliches Thema sind. In sozialen Netzwerken wie LinkedIn lese ich täglich ähnliche Geschichten von Menschen mit jahrzehntelanger Berufserfahrung, die trotz grosser Anstrengungen kaum eine Chance erhalten», meint Karsten Schröder.

Was für Ausmasse das Problem mittlerweile angenommen habe, kann Karsten Schröder anhand eines Beispiels aus einem Kurs bei einem Experten für Bewerbungen erzählen.
Denn nebst den üblichen Tipps wurden auch einige konkrete Vorschläge für digitale Bewerbungen unterbreitet, die doch ziemlich sonderbar klingen: «Der Experte meinte, dass man Geburtsdatum und Wohnort nicht auf die erste Seite des Steckbriefs schreiben solle. Dann würde die Prüfung länger dauern und die Bewerbung allenfalls sogar in den Händen eines Menschen landen.»
Dass die menschliche Prüfung eines Bewerbungsdossiers heute alles andere als eine Selbstverständlichkeit ist und KI den grössten Teil der Arbeit übernimmt, habe er selbst feststellen müssen.

Und auch wenn die Stellenausschreiber vorgeben würden, dass das Alter und der Wohnort keine Rolle spielen, sehe es in der Praxis doch ganz anders aus, denn würden Antworten auf diese «präparierten» Bewerbungen häufig tatsächlich etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen.
Während dieser Trick zur Verbesserung der eigenen Bewerbungschancen schon sehr fragwürdig anmutet, geht es jedoch noch viel ausgefallener, um nicht zu sagen verrückter.
«Mir wurde tatsächlich empfohlen, den Text der entsprechenden Stellenanzeige zu kopieren und dann in weisser Schrift mit weissem Hintergrund auf dem Deckblatt des Bewerbungsdossiers einzufügen», erzählt Karsten Schröder. Denn während die Stellenanzeige fürs menschliche Auge unsichtbar bleibe, würde KI den Text erkennen und darin viele relevante Schlüsselbegriffe finden.
«Das sind Taschenspielertricks. Die haben überhaupt nichts mit den eigenen Kompetenzen zu tun, sondern nur mit der Überlistung des Systems», ist der 54-Jährige überzeugt.
Wer hilft?
Das Problem der Stellensuche bei über 50-Jährigen ist auch beim Kanton Thurgau nicht unbekannt. Daniel Wessner, Leiter des Amts für Wirtschaft und Arbeit, liegt das Thema sehr am Herzen, weshalb in den Oberthurgauer Nachrichten ein ausführliches Interview mit ihm erscheinen wird.
Obwohl das grosse Interesse des Amts für Wirtschaft und Arbeit am Thema Hoffnung aufkeimen lässt, dass in Zukunft mehr Unterstützung für Arbeitslose über 50 angeboten wird, ist für viele Betroffene eine längere Wartezeit mit einer Verschlechterung der eigenen Situation verbunden.
Und dies nicht nur in mentaler Hinsicht, sondern teilweise auch mit konkreten Folgen für das künftige Leben. «Ende August wurde ich ausgesteuert. Im schlimmsten Fall muss ich Sozialhilfe beantragen», erzählt Karsten Schröder am Telefon.
In dem Fall würden seine Chance auf eine Anstellung weiter sinken, da er als Sozialhilfeempfänger wohl auf sein Auto verzichten müsste. Doch er hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und ist offen für fast jede neue berufliche Herausforderung.
«Ich habe 20 Jahre Erfahrung im Möbelverkauf, doch bin offen für den ganzen Detailhandel oder auch Verwaltungsjobs. Und gerne auch etwas Anspruchsvolles, bei dem ich richtig gefordert werde!»

Sollten Sie für Karsten Schröder eine geeignete Stelle haben oder von einer entsprechenden freien Stelle Kenntnis haben, dann dürfen sie sich gerne wieder bei [email protected] melden.
Und auch Marco Tinbergen würde sich riesig freuen, wenn er nach seiner befristeten Stelle endlich wieder eine Festanstellung hätte.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Oberthurgauer Nachrichten» erschienen.








