Naturnaher Raum: Wirbel um «toxische» Lichtverhältnisse!

Eine Debatte über einen hell beleuchteten ökologischen Lebensraum in Weerswilen sorgt für Unmut – bei Anwohnern und Fledermausschützern.

Am Käsibach wird derzeit gebaggert, modelliert und ein Stück Natur zurückgeholt: Der bisher eingedolte Bach wird geöffnet, der Hochwasserschutz verbessert und auf rund 220 Metern ein naturnaher Raum geschaffen, der laut Stadt ausdrücklich auch «ökologisch wertvollen Lebensraum» bieten soll. Anwohnerin Ursula Weber beobachtet das emsige Treiben. Wie jeden Tag auf ihrer Spaziergangrunde mit den beiden Hunden.
Grundsätzlich ein tolles Projekt, findet sie. Neues Leben soll hier entstehen, Tiere werden sich natürlich ansiedeln. Doch: Kandelaber entlang der Burgstrasse bestrahlen das Gebiet die ganze Nacht lang.
«Meine Bedenken gelten der Biodiversität, nicht dem Stromverbrauch», so Weber. Ihre Gedanken teilte sie vor Monaten mit der Stadt. Gerade wenn an dieser Stelle viel Geld in eine ökologische Aufwertung investiert werde, versteht sie nicht, weshalb die Lampe exakt neben dem Gebiet weiterhin die ganze Nacht brennen soll.
Die Stadt verweist auf die Verkehrssicherheit. Bauamt-Chef Martin Belz beschreibt die Stelle als «Strassenverzweigung ausserorts (Tempo 80) ohne Rechtsvortritt»; hinzu kämen «erhebliches Gefälle» und eine teilweise eingeschränkte Übersicht. Deshalb bleibt die Leuchte eingeschaltet, während die übrigen Weinfelder Strassenbeleuchtungen zwischen 00.15 und 05.15 Uhr abgeschaltet werden.
Weber fragt sich, weshalb es zwischen «Licht aus» und «Licht die ganze Nacht an» keine andere Lösung möglich ist – etwa Dimmung, stärkere Fokussierung oder eine bedarfsgesteuerte Beleuchtung. Ganz abwegig ist das nicht. Selbst die Stadt bestätigt: «Eine Umrüstung auf intelligente oder separat angesteuerte Leuchten wäre grundsätzlich möglich.»

Man habe sich laut Belz jedoch für «die wirtschaftliche Variante mit dem LED-Leuchtmittelersatz» entschieden.
Fachleute nicht beigezogen
Vielleicht etwas schade ist dabei, dass die ökologische Wirkung der Beleuchtung beim Käsibach nicht eigens untersucht wurde. Auf die Frage, ob Auswirkungen auf Insekten, Fledermäuse oder andere nachtaktive Tiere abgeklärt worden seien, antwortet Belz kurzum mit: «Nein.» Ebenso wenig wurde die Situation mit dem kantonalen Amt für Umwelt oder einer Fachstelle für Biodiversität beziehungsweise Fledermausschutz besprochen.
Die Stadt verweist stattdessen darauf, seit 2020 Leuchten mit 3000 Kelvin einzusetzen und diese nach oben abzuschirmen. Eine seitliche Abschirmung hält Belz nicht für sinnvoll: «Es ist nicht erkennbar, weshalb eine seitliche Abschirmung vorgenommen werden soll.»
Die öffentliche Beleuchtung sei «nicht Selbstzweck», sondern diene wesentlich der Sicherheit der Strassenbenützerinnen und Strassenbenützer. Warum die Beleuchtung in diesem Fall nicht beide Notwendigkeiten abdecken kann, ist ungewiss.
Licht verändert Verhalten
Wie wichtig Dunkelheit gerade für Fledermäuse sein kann, erklären Marius und Franziska Heeb von der Thurgauischen Koordinationsstelle für Fledermausschutz deutlich: «Fledermäuse meiden Gebiete mit zu viel Licht.»
Nicht nur Quartiere könnten dadurch beeinträchtigt werden, sondern auch die Flugkorridore zwischen Quartier und Jagdgebiet. Werden diese stark aufgehellt, können Fledermäuse leichter von Eulen oder Katzen erbeutet werden; im Extremfall könne ein solcher Korridor «zur tödlichen Falle» werden.
Ihre Aussage trifft exakt auf den Käsibach zu: «Ein Gewässer oder ein Park mit Spazierweg und einer Beleuchtung, die mehr als nötig die Gegend ausleuchtet, vertreibt die Fledermäuse, obwohl das genau ihr Jagdgebiet wäre.» Dabei verlangen auch die Fachleute keineswegs dunkle Strassen um jeden Preis. «Auf Strassen geht primär die Sicherheit vor», halten sie fest.

Entscheidend sei jedoch, wohin das Licht fällt: «Gut fokussierte Leuchten erhellen nur die Strasse und lassen das angrenzende Gebiet im Dunkeln.» Auch bewegungssensitive Beleuchtungen würden in einzelnen Gemeinden bereits eingesetzt. Die Fledermausexperten hätten der Stadt gerne ihr Wissen zur Verfügung gestellt.
«Ein Austausch und eine Zusammenarbeit ist immer sinnvoll, auch mit anderen Fachpersonen, die sich damit beschäftigen», so Franziska Heeb.
Das ist kein Widerspruch
Einen Konflikt zwischen dem ökologischen Anspruch des Projekts und der nächtlichen Beleuchtung sieht die Stadt dennoch nicht. Auf die entsprechende Frage antwortet Belz: «Die Sichtweise, dass es sich um vermeidbare Lichtemissionen handle, werde nicht geteilt. Wo die Verkehrssicherheit betroffen sei, müssten ökologische Interessen mit anderen öffentlichen Interessen abgewogen werden.»
Bezüglich Lichtfarbe gelten die eingesetzten Leuchten als tierfreundlicher im Vergleich zu den bisher gebräuchlichen Leuchten.
Kurzum: «Die Stadt Weinfelden ist der Überzeugung, hier das Richtige zu tun und dabei weitere öffentliche Interessen wie namentlich die Verkehrssicherheit angemessen zu berücksichtigen.» Ursula Weber irritiert die Aussage. Sie fuhr die Strassen im Quartier ab und suchte nach ähnlichen Begebenheiten.
Sie zeigt Bilder von – aus Laiensicht – vergleichbaren Strassensituationen. Dort ist keine Strassenlampe platziert. Warum sich die Stadt so dagegen sträube, sich dem Thema Licht beim Projekt überhaupt anzunehmen, ist für sie nicht verständlich.
Pro Natura wünscht es sich dunkler in der Nacht
Markus Bürgisser, Geschäftsführer von Pro Natura Thurgau, beurteilt Licht als ernstzunehmendes Thema. «Frau Weber hat mit ihrer Aussage, dass künstliches Licht für die Tierwelt ein grosses Problem ist, vollkommen recht und der Störfaktor Licht wird unterschätzt. Zudem ist das Nachtlicht auch für die Menschen schädlich.»
Traditionell werde viel Licht in Anbetracht der Sicherheit nur als positiv bewertet und nur allmählich findet ein Umdenken statt.

«Die für viele Flugtiere toxische Nachtbeleuchtung ist in allen Thurgauer Gemeinden ein Problem. Wir von Pro Natura wünschen uns natürlich, dass so schnell wie möglich die Nacht wieder dunkel sein darf.» Auch andere Thurgauer Städte setzen bereits auf differenziertere Lösungen.
Arbon hält in seinem seit April 2026 geltenden Energierichtplan fest, die öffentliche Beleuchtung auf steuer- und dimmbare LED umzurüsten und unerwünschte Lichtemissionen gezielt zu untersuchen. Kreuzlingen empfiehlt bei Aussenbeleuchtungen eine präzise Lichtlenkung sowie Abschaltungen oder Bewegungsmelder während der Nachtruhe.
Frauenfeld wiederum schaltet die öffentliche Strassenbeleuchtung grundsätzlich ab 1 Uhr aus; ausgenommen sind unter anderem Kantonsstrassen und der Bahnhofbereich. Damit zeigt sich: Zwischen «die ganze Nacht an» und völliger Dunkelheit gibt es längst technische Zwischenlösungen.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Kreuzlinger Nachrichten» erschienen.






