Neujahrsblätter erzählen die Ernährungsgeschichte der Ostschweiz

Die neue Ausgabe der Neujahrsblätter des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen widmet sich der Geschichte des Essens in der Ostschweiz. Sie zeigt, wie Topografie, Klima, Migration und Tradition die Ernährung in der Region beeinflussten.

Vor ein paar Wochen erschien unter dem Titel «Bratwurst, Biber, Apfelfisch – Streiflichter auf die Geschichte der Ernährung in der Ostschweiz» die neue Ausgabe der Neujahrsblätter des Historischen Vereins des Kantons St. Gallen – was nicht verspätet, sondern Usus sei, wie Clemens Müller bei einem Kaffee im Kulturmuseum in St. Gallen versichert. Zusammen mit Jolanda Schärli ist der Klassische Philologe zur Zeit für die Redaktion der Neujahresblätter verantwortlich.
Einige der Geschichten im Blatt könnten auch für andere Regionen erzählt werden. «Das Thema ist universell», bestätigt Müller. «Aber, und das war das Überraschende: Es gibt trotzdem sehr lokale Ausprägungen. Das kommt im Titel und auch sehr schön im Beitrag unserer Archäologin zum Ausdruck.»
«50'000 Jahre Koch- und Essgeschichte(n)» stammt von Regula Steinhauser-Zimmermann und bietet eine Grundlage für die nachfolgenden Aufsätze. «Steinzeit sei überall gleich, könnte man denken», führt Müller weiter aus. «Aber sie schafft es, die universelle Geschichte der Ernährung an lokalen Artefakten festzumachen.»
Zehn weitere Beiträge beleuchten dann – so, wie es der Titel verspricht – weitere Aspekte der Geschichte der Ernährung in der Region: etwa den Fleischkonsum und das Metzgerhandwerk, eine verheerende Hungersnot von vor 200 Jahren, eine «Betty Bossi» aus dem Toggenburg oder natürlich die St. Galler Bratwurst.
Der Anspruch der Neujahrsblätter ist es, ein breiteres Publikum anzusprechen. Die Aufsätze müssen deshalb wissenschaftlich fundiert sein, wie der Co-Redaktor betont. Gleichzeitig sollen sie aber eine ansprechende Erzählung hergeben. «Es gibt überall Leute, die an der Geschichte ihres eigenen Lebensraumes interessiert sind», sagt er. «Das hat mit Identität zu tun. Lokale Traditionen spielen bis zum heutigen Tag eine Rolle und ermöglichen eine Verankerung.» Die Neujahrsblätter böten eine spezielle Kultur der historischen Erinnerung, eine Plattform für gesellschaftliches Andenken – und bildeten eine eigene Ausprägung der historischen Forschung. Das sei nicht selbstverständlich.
Wie unterscheidet sich die Geschichte der Ernährung der Ostschweiz von derjenigen anderer Regionen? «Einerseits gibt es natürlich lokale Rezepturen, wie man im Titel sehen kann», sagt Clemens Müller. «Andererseits: Die ganze Ernährungsgeschichte hat geografische, topografische und klimatische Hintergründe. Wir haben es wegen der Seen hier mit Fischfang zu tun. Wir haben Alpen- und Viehwirtschaft. Man sieht, dass die Ostschweiz graswirtschaftlich ausgerichtet war. Dafür spielte Getreide keine grosse Rolle. Da war man auf Importe angewiesen.»
Bei der Geschichte über die Hungersnot zeige sich, dass das eine «lokale Schwachstelle» gewesen sei. Seit der Römerzeit gebe es in der Region Wein- und Obstanbau. Seit dem 19. Jahrhundert werde Mais angebaut. «Das alles trägt zur regionalen Identität bei.»
Der Aufsatz «Welche Not war das! Welch ein Elend!» über die Hungersnot 1816/17 schildert pures Leid. Ein Vulkan auf einer indonesischen Insel spukte im Frühling 1815 so heftig, dass der Vulkanstaub sogar im fernen Europa in den folgenden zwei Jahren für kalte, feuchte Sommer sorgte. «Die Ernte fiel aus, die Preise der Nahrungsmittel verfünffachten sich», schreibt Autor Martin Arnold. In den Kantonen St. Gallen und Appenzell waren Tausende von Toten die Folge.
Heute ist diese Katastrophe weitgehend in Vergessenheit geraten. «Es verhält sich damit wie mit einigen anderen historischen Gegebenheiten aus dem 19. Jahrhundert, die weggewischt und überlagert sind», sagt Müller.
«Das Jahr ohne Sommer war vor ein paar Jahren präsent, da hat man sich gemeinsam erinnert – wenn auch nicht nachhaltig. Diese Geschichte wäre aber sehr wichtig, um sich vor Augen zu halten, dass die Katastrophe zu einer grossen Auswanderungswelle führte. Und es gab schon damals eine internationale Solidarität. Der russische Zar beispielsweise spendete viel Geld, um die Not in der Schweiz zu lindern. Daran sollte man sich erinnern.»Historischer Verein des Kantons St. Gallen (Hg.): Bratwurst, Biber, Apfelfisch. Streiflichter auf die Geschichte der Ernährung in der Ostschweiz. (Neujahrsblatt 166). Verlagshuus/Appenzeller Verlag AG, Herisau 2026. 179 Seiten.




