Open Air St. Gallen – «Erwartungen des Publikums sind gewachsen»

Das Sittertobel verwandelt sich dieses Wochenende wieder in eine Zeltstadt. Für das Line-Up am Open Air verantwortlich ist Christof Huber.

Es ist wieder so weit: Seit Mittwochmorgen campieren Musik- und Festivalbegeisterte vor dem Eingang des Open-Air-Geländes im St. Gallischen Sittertobel und warten auf den Einlass. Heute um Punkt 12 Uhr öffnen sich die Tore des Festivals und das Rennen um die besten Plätze beginnt. Ein besonderer Moment – für Besucherinnen und Besucher, aber auch für die Veranstalter selbst.
Zu den letzteren gehört auch Festival-Chef Christof Huber. Er ist seit über 30 Jahren Teil der Sause im Sittertobel. Er verrät, wie sich das Open Air St. Gallen über die vergangenen drei Jahrzehnte verändert hat.
Redaktion: Wie haben Sie die letzten Tage vor dem Festival erlebt?
Christof Huber: Es ging zu und her wie in einem Bienenhaus: Wir pendelten zwischen Büro und Gelände hin und her. Die letzten Bauarbeiten wurden erledigt, Abklärungen getätigt und Anfragen beantwortet. Die Wetterbedingungen waren super, die Hitze aber nicht ohne.
Redaktion: Heute Mittag geht es los. Was bedeutet es für Sie, wenn sich die Türen zum Festivalgelände öffnen?
Huber: Das Rennen um die Zeltplätze schauen wir uns immer an. Es ist jedes Jahr ein besonderer Moment. Danach geht es darum, das Festival während der vier Tage von allen Seiten anzuschauen: Was funktioniert? Was funktioniert nicht?

Redaktion: Haben Sie nun Zeit, sich ein paar Acts anzuschauen?
Huber: Ich rotiere zwischen den verschiedenen Bühnen und schaue jeweils ein bis zwei Songs pro Act. So sehe ich, wie die Auftritte wirken und wie die Künstlerinnen oder Künstler beim Publikum ankommen.
Redaktion: Auf welchen Act freuen Sie sich dieses Jahr besonders?
Huber: Auf «Twenty One Pilots». Wir hatten die Band bereits 2020 gebucht, dann kam aber Corona dazwischen und in den Folgejahren hatte sie keine Zeit. Ich freue mich auch auf die Schweizer Band «Hecht». Musikalisch komme ich nicht zu kurz.
Redaktion: Sie sind seit 1993 Teil des Open Airs St. Gallen im Sittertobel. Wie hat sich das Line-up in den vergangenen Jahren verändert?
Huber: Das Festival hat sich stetig weiterentwickelt. Wir sind sehr traditionell, müssen uns aber auch verjüngen. Das Kernpublikum ist zwischen 16 und 30 Jahre alt. Die Bühnenproduktionen sind im Vergleich zu vor 30 Jahren viel aufwendiger, also technisch viel anspruchsvoller.
Natürlich hat sich auch das Angebot um die Musik herum, Food, Infrastruktur und das gesamte «Look and Feel» verbessert. Es gibt immer Leute, die sagen, früher war alles besser. Ich bin keiner von denen. Wäre alles gleich geblieben, gäbe es das Open Air St. Gallen heute nicht mehr.
Redaktion: Und wie hat sich in dieser Zeit das Publikum verändert?
Huber: Die Erwartungen sind gewachsen, das ist aber auch gut und richtig so. Wir haben ein sehr friedliches Publikum. In den letzten paar Jahren hat der Frauenanteil merklich zugenommen:
Fast 60 Prozent der Festivalteilnehmenden sind weiblich. Für ein Campingfestival ist dies nicht selbstverständlich. Wir führen diesen Umstand unter anderem auf die gute Infrastruktur zurück.
Redaktion: Wenn sie dem damaligen Christof Huber einen Blick auf das heutige Festival ermöglichen könnten – was würde ihn am meisten überraschen?
Huber: Die hohen Qualitätsstandards, die wir entwickelt haben. Das Open Air St. Gallen war das erste Schweizer Festival, das komplett bargeldlos funktioniert hat.

Redaktion: Und welche Entwicklungen bereiten dem heutigen Christof Huber Sorgen? Welche Herausforderungen sind für ein Festival wie das Open Air St. Gallen heute grösser als noch vor 30 Jahren?
Huber: Die Veranstaltung steht heute mehr als je im Fokus der Öffentlichkeit. Jeder Besucher hat ein Handy, alles wird aufgenommen und geteilt. Auf allfällige Vorfälle zu reagieren ist schwierig.
Natürlich haben wir dafür professionelle Strukturen, ein Sicherheitskonzept und ein Medienteam, aber insgesamt ist der Druck grösser geworden.
Über die gesamten vier Tage sind über hundert Leute auf dem Gelände, die Inhalte produzieren: unser Team und klassische Journalisten, aber auch Sponsoringpartner sowie das Team der Künstlerinnen und Künstler. Das bedeutet für uns viel Aufwand.
Redaktion: Welcher Moment in Ihrer Zeit beim Open Air ist Ihnen bis heute besonders geblieben?
Einer der Schlüsselmomente war 2012, als «Mumford & Sons» bei ihrem letzten Song als Überraschung «Wolfmother», Paolo Nutini und «The Kooks» auf die Bühne holte. Beim Konzert am Sonntagabend standen 25 Musikerinnen und Musiker gemeinsam auf der Sitterbühne. Da sind einige Tränen geflossen.
Zu den emotionalsten Momenten gehört aber auch der Auftritt von Lewis Capaldi vergangenes Jahr. Die Besucherinnen und Besucher wussten bis kurz vor dem Konzert nicht, wer kommen würde.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.






