Sexologin: «Auch Menschen mit Beeinträchtigung haben Bedürfnisse»

Lui Eigenmann
Lui Eigenmann

Stadt St. Gallen,

Sexuelle Aufklärung ist auch für Menschen mit Beeinträchtigung wichtig. Sexologin Madeleine Bosshart spricht über Nähe, Schutz und Selbstbestimmung.

Sex? «Auch Menschen mit Behinderung haben Bedürfnisse»
Madeleine Bosshart arbeitet seit 2010 als selbstständige Sexualpädagogin. - Lui Eigenmann

Sexualität ist ein Thema, das viele Menschen lieber vermeiden. Noch grösser ist das Schweigen, wenn es um Menschen mit Beeinträchtigung geht. Für Madeleine Bosshart ist genau das ein Problem.

Die 61-jährige Sexologin aus der Ostschweiz erlebt in ihrer Arbeit immer wieder, dass Menschen zwar Fragen, Wünsche und Bedürfnisse haben, aber kaum jemanden, mit dem sie darüber sprechen können. «Menschen mit Beeinträchtigung haben ein Recht auf Wissen über ihren Körper, ihre Gefühle und ihre eigenen Bedürfnisse», sagt Bosshart. Wird dieses Wissen vorenthalten, könne das Folgen haben.

«Wenn wir Sexualität verbieten, gibt es Grenzüberschreitungen. Und dann heisst es schnell: Ja, schau, die Behinderten.» Dabei geschehe vieles nicht aus böser Absicht, sondern weil Wissen fehle.

Ein Jahr keine Umarmung

Gerade die Sexualaufklärung sei eine Herausforderung. Manche Menschen mit Beeinträchtigung sind körperlich erwachsen, entwickeln sich emotional und sozial aber anders. «Wenn jemand 25 Jahre alt ist, kann das emotionale und soziale Alter beispielsweise bei 16 Jahren liegen», erklärt Bosshart.

Das Bedürfnis nach Nähe, Lust oder Sexualität könne also auch erst mit 25 oder 30 Jahren entstehen. «Dann wird aber häufig nicht mehr aufgeklärt. Man denkt, die Person ist erwachsen und müsste das längst wissen.» Bosshart kennt solche Situationen aus ihrer täglichen Arbeit.

Rund 80 Prozent ihrer Aufträge haben mittlerweile mit Menschen mit Beeinträchtigung zu tun. Sie arbeitet in ihrer Praxis, aber auch direkt in Institutionen. Zu ihr kommen Eltern, Betreuungspersonen, Institutionen – teilweise auch die KESB oder die Staatsanwaltschaft, wenn es bereits zu einem Vorfall gekommen ist.

Hände berühren sich
Gerade die Sexualaufklärung sei eine Herausforderung. - depositphotos

Ihre Aufgabe sieht sie als eine Art Türöffnerin. «Ich bin die Person, bei der sie endlich ihre Fragen stellen können», sagt sie. Dabei geht es nicht zwingend um Geschlechtsverkehr.

Im Gegenteil: «Sexualität wird immer sofort mit Geschlechtsverkehr verbunden. Für Menschen mit Beeinträchtigung geht es aber sehr oft um Körperkontakt, Nähe, Kuscheln, Berührungen und Körpergefühle.» Gerade diese Bedürfnisse würden in Institutionen leicht vergessen.

Betreuungspersonen sorgen dafür, dass der Alltag funktioniert, gleichzeitig gibt es Regeln und Grenzen. Körperliche Nähe bleibt dabei manchmal auf der Strecke. «Wir müssen uns einmal vorstellen, wir würden eine Woche lang keine Umarmung bekommen. Manche Menschen in Institutionen bekommen vielleicht ein ganzes Jahr lang keine Umarmung.» Dabei könne eine Berührung Sicherheit, Ruhe und das Gefühl vermitteln, angenommen zu werden.

«Eine Umarmung ist kein Sex. Es ist nicht alles eine Grenzüberschreitung», betont Bosshart. Menschen mit Beeinträchtigung gehe es oft besser, wenn sie Nähe erleben dürften. Sie seien ausgeglichener und zufriedener.

Ungefragt das Zimmer betreten

Fehlt das Wissen über Nähe und Grenzen, kann es allerdings auch zu problematischen Situationen kommen. Bosshart berichtet von Grenzüberschreitungen unter Menschen mit Beeinträchtigung: Jemand fasst einer anderen Person an die Brust, betritt ungefragt deren Zimmer oder berührt sie, weil er selbst Nähe möchte.

«Viele wissen gar nicht, was eine Grenzüberschreitung oder Gewalt in diesem Bereich ist», sagt sie. Aufklärung sei deshalb nicht nur eine Frage der Sexualität, sondern auch des Schutzes.

Besonders anspruchsvoll wird es bei Menschen mit einer kognitiven Beeinträchtigung. Bosshart erzählt von einer jungen Frau, deren Behinderung man ihr äusserlich nicht ansieht.

Sie ist attraktiv und wirkt auf den ersten Blick selbstständig. Gleichzeitig kann sie Nähe und Distanz kaum einschätzen und glaubt vieles, was andere ihr erzählen. «Wenn ihr jemand sagt, sie soll ihr Shirt hochziehen, dann macht sie das.»

paar am strand, abendsonne
Sexualität ist ein Thema, das viele Menschen lieber vermeiden. - depositphotos

Auch im Internet könne das gefährlich werden. Deshalb müsse sie gemeinsam mit der Frau erarbeiten, was sie darf, was andere dürfen und wo ihre persönlichen Grenzen liegen.

Pornos schwer einzuordnen

Das Internet verschärft die Situation zusätzlich. Pornografie vermittelt Vorstellungen von Sexualität, die viele Menschen nur schwer einordnen können. «Wenn sie Pornos anschauen, entsteht teilweise das Gefühl, dass man das auch machen muss», sagt Bosshart.

Für Menschen mit kognitiver Beeinträchtigung könne das besonders überfordernd sein. «Wir können einschätzen, was wir im Internet sehen. Sie können das teilweise nicht.» Aufklärung müsse deshalb individuell erfolgen.

Bosshart schaut zunächst, wo eine Person emotional und sozial steht. Dann passt sie ihre Methoden daran an. «Manchmal habe ich einen 25- bis 30-Jährigen vor mir, muss aber auf Kinderniveau vermitteln.»

Sie arbeitet mit Bildern, Piktogrammen, Knete oder Zeichnungen. Komplexe Themen werden Schritt für Schritt und möglichst konkret erklärt.

Auf Geschlechtsverkehr reduziert

«Die Aufklärung wäre eigentlich Sache der Eltern», sagt Bosshart. Doch wenn ein Kind mit einer Beeinträchtigung auf die Welt komme, drehe sich zunächst alles um Therapien und darum, dass es sich möglichst gut entwickle.

«Und dann denkt man später nicht mehr daran, dass dieses Kind auch erwachsen wird und Sexualität entwickelt.» Auch Institutionen seien gefordert. Betreuungspersonen müssten die Bedürfnisse ihrer Bewohnerinnen und Bewohner kennen und sie aktiv begleiten.

«Eine Umarmung ist kein Sex. Es ist nicht alles eine Grenzüberschreitung.» Bosshart selbst kam über die Sexualpädagogik zu ihrer heutigen Tätigkeit. Vor 16 Jahren begann sie mit Sexualpädagogik an Schulen.

Findest du sexuelle Aufklärung für Menschen mit Beeinträchtigung wichtig?

Als ausgebildete Kindergärtnerin habe sie gelernt, komplizierte Themen verständlich und anschaulich herunterzubrechen. Später spezialisierte sie sich zunehmend auf die Sonderpädagogik.

«Ich kenne niemanden, der genauso arbeitet wie ich.» Besonders schätzt sie dabei das Vertrauen ihrer Klientinnen und Klienten. «Ich liebe meinen Job, weil die Menschen so dankbar sind, wenn sie endlich mit jemandem über dieses Thema sprechen können.»

Auch Menschen, die sonst kaum über ihre Gefühle sprechen, würden sich mit der Zeit öffnen. «Wir lachen zusammen. Und plötzlich sprechen sie wieder.»

Für Bosshart führt die Diskussion über Sexualität bei Menschen mit Beeinträchtigung letztlich zu einer grundsätzlichen Frage: Was verstehen wir überhaupt unter Sexualität?

Nachdenklicher Mann
Auch Menschen, die sonst kaum über ihre Gefühle sprechen, würden sich mit der Zeit öffnen. - depositphotos

Auch bei Menschen ohne Beeinträchtigung werde sie häufig zu stark auf Fortpflanzung und Geschlechtsverkehr reduziert. «Wir vergessen, dass Sexualität auch Nähe, Zeit und Liebe bedeutet.» Ihr Wunsch ist deshalb klar: mehr Wissen, mehr Offenheit und weniger Angst.

«Ich wünsche mir viel mehr Aufklärung bei Menschen mit Beeinträchtigung.» Denn wer über den eigenen Körper, Gefühle und Grenzen Bescheid weiss, kann selbstbestimmter leben.

Hinweis

Dieser Artikel ist zuerst in den «St. Galler Nachrichten» erschienen.

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