Joy Umegbolu: «Wäre irgendwann gerne Profi»

Wil,
Die Schweizer Frauen-Staffel gewann an der U20-WM im amerikanischen Eugene Silber über 4x100 Meter. Die 18-jährige Wilerin Joy Umegbolu war Teil des Teams.

Nur knapp verpassten sie den Sieg: Die Schweizer Frauenstaffel lief an der U20-WM in Eugene über 4x100 Meter mit 43,36 Sekunden auf den zweiten Platz. WM-Silber ist der bisher grösste Erfolg von Joy Umegbolu.
Die Wiler Athletin ist im Kader des LC Frauenfeld. Sechs Tage die Woche trainiert sie für ihren grossen Traum, Profisportlerin zu werden. Die 18-Jährige erzählt, was es dafür braucht.
Redaktion: Joy, du hast an der U20-WM in Eugene mit deinem Team Silber gewonnen. Was bedeutet dir dieser Erfolg?
Joy Umegbolu: Auf der einen Seite ist es eine Bestätigung dafür, dass sich harte Arbeit auszahlt. Auf der anderen Seite ist es eine Erleichterung, dass ich mein Saisonziel erreichen konnte. Es bedeutet, dass ich gute Chancen habe in der Leichtathletik und das motiviert mich nach noch grösseren Zielen zu streben.
Redaktion: Was war konkret das Saisonziel?
Umegbolu: Wir waren mit der Staffel im World Lead, das heisst wir waren zeitmässig die Nummer eins der Welt und durften also mit einer Medaille rechnen. Hätten wir das nicht geschafft, wäre das schon eine grosse Enttäuschung gewesen.
Redaktion: Was macht eine Staffel anders als ein Einzelrennen?
Umegbolu: Es geht um die Druckverteilung: In der Staffel weiss ich, eine schlechte Leistung von mir kann die Leistungen meines Teams negativ beeinflussen. Wenn ich an einem Einzelwettkampf einen Fehlstart habe oder hinfalle, dann muss ich das selbst verantworten, es betrifft nur mich.

Redaktion: Wie bist du zur Leichtathletik gekommen? Was fasziniert dich am Sprint?
Umegbolu: Ursprünglich war ich im Geräteturnen. Das hat mir aber nach einer Zeit nicht mehr gefallen. Mein Vater hat selbst auch Leichtathletik gemacht und mir das deshalb als Alternative vorgeschlagen.
Dann habe ich ohne Training den ersten Platz beim «Schnellsten Wiler» geholt. Da wusste ich, Sprint liegt mir. Gefallen tut mir daran, dass es mir ein Gefühl der Freiheit gibt. Wenn ich im Training bin, wenn ich sprinte, dann denke ich an nichts anderes.
Redaktion: Wie sieht ein ganz normaler Tag bei dir aus?
Umegbolu: Diesen Sommer habe ich die Matura abgeschlossen. Zum Glück hatte ich sehr verständnisvolle Lehrpersonen, deshalb konnte ich auch mal zwischen den Lektionen fehlen.
Aktuell mache ich ein Zwischenjahr und arbeite Teilzeit als Klassenassistenz im Kathi. Darum habe ich gerade etwas mehr Zeit für den Sport.
Redaktion: Was sind deine beruflichen Zukunftspläne?
Umegbolu: Ich würde gerne Zahnmedizin an der Uni Zürich studieren. Wie das genau aufgeht mit dem Sport weiss ich noch nicht. Vermutlich werde ich ein Teilzeitstudium beginnen – 100 Prozent Studium und 100 Prozent Sport würde nicht funktionieren.
Redaktion: Du gehst sechs Tage die Woche ins Training. Auch wenn du keine Lust hast?
Umegbolu: Nach sieben Jahren bin ich mittlerweile an einem Punkt, an dem ich gar nicht mehr überlege: Habe ich Lust oder nicht? Ich gehe einfach, es gehört dazu. Natürlich gibt es Tage, da habe ich nicht so Lust aufs Training. Aber nicht zu gehen ist keine Option.
Redaktion: Musstest du für die Leichtathletik schon einmal auf etwas verzichten? Bleibt neben Training, Schule und Wettkämpfen überhaupt noch Zeit für Freunde und Freizeit?
Umegbolu: Das hat es schon gegeben, für mich hat sich das aber nicht wie ein Verzicht angefühlt. Ich hatte immer am Samstag um 9 Uhr Training, da war ich am Freitagabend automatisch raus. Partys oder Kurztrips am Wochenende sind sicher tolle Erlebnisse, sie können mir aber nicht das geben, was der Sport kann.
Redaktion: Was ist härter: das Training oder der Wettkampf?
Umegbolu: Ich liebe den Wettkampf. Das Training passiert im Hintergrund. Es ist anstrengend, manchmal kommt man nicht weiter, manchmal fliessen Tränen.
Wenn diese ganze harte Arbeit getan ist, kann ich entspannt an den Wettkampf gehen. Ich weiss, ich habe getan, was ich konnte, nun darf ich zeigen, was ich kann.
Redaktion: Welche deiner Eigenschaften helfen dir im Sport erfolgreich zu sein?
Umegbolu: Ich bin sehr diszipliniert und ehr-geizig. Ich lasse kein Training aus, weil ich meine Ziele unbedingt erreichen will. Dieser Kampfgeist braucht es, wenn mal etwas nicht so rund läuft oder man sich eine Verletzung zuzieht. Dann ist es wichtig, wieder aufzustehen und weiterzumachen.
Redaktion: Wie gehst du mit Druck und Erwartungen um?
Umegbolu: Ich mache mir selbst den grössten Druck. Meine Eltern nie – im Gegenteil. In Momenten, in denen es mir zu viel wird, betonen sie jeweils, dass ich das für mich selbst mache.
Redaktion: Gibt es eine Athletin oder einen Athleten, zu dem du aufschaust?
Umegbolu: Die Jamaikanerin Shelly-Ann Fraser-Pryce. Sie ist 10-fache Weltmeisterin und war bereits viermal in Olympia. Beim Start ihrer Karriere war sie sechste Ersatzläuferin in einer Staffel und wurde ein Jahr später Weltmeisterin. Sie betont immer wieder, wie viel sich innert kurzer Zeit verändern kann, wenn man dranbleibt und an sich glaubt.
Redaktion: Was ist dein grösstes Ziel?
Umegbolu: Ich wäre irgendwann gerne Profisportlerin, sodass ich vom Sport leben kann. Es soll keine Frage mehr sein, ob ich an Europameisterschaft, Weltmeisterschaft oder Olympia mitmache.
Meine Sponsoren Azemos Property AG, Nydegger Zahnärzte und die Pluspraxis Wil unterstützen mich dabei, diesen Traum verfolgen zu können.
Hinweis
Dieser Artikel ist zuerst in den «Wiler Nachrichten» erschienen.





